Das Gift wirkt
"Wir sind auf uns allein gestellt", sagt Ex-Envio-Mann Manfred Fabian (rechts) im Gespräch mit Klaus Brandt., Redakteur der WAZ Mediengruppe.
Im Gespräch mit der WAZ Mediengruppe schildern vier ehemalige Beschäftigte der Skandalfirma Envio, was nach großen Betreuungsschwüren und Solidaritätsbekundungen von offizieller Seite kam: erschreckend wenig.
Wir treffen die Männer in der Kleingartenlaube eines Betroffenen. Die Stimmung am Tisch ist gedrückt. Durch die Katastrophe sind sie näher zusammengerückt, versuchen einander zu helfen. Eines der Opfer möchte nicht erkannt werden. Er steht noch immer in Diensten der Leiharbeitsfirma, die ihn damals zu Envio schickte. „Ich brauche das Geld“, sagt er.
Das Gift wirkt bei allen, aber unterschiedlich: Wer einen Job hat, arbeitet gegen die Angst an. Doch viele können nicht mehr arbeiten. Sie sind krank, an Leib und Seele. Sie gehen zu Ärzten und Psychiatern, sitzen in Selbsthilfegruppen oder trauen sich gar nicht mehr raus aus ihren vier Wänden. Envio-Opfer sind einsame Menschen. Sie fühlen sich im Stich gelassen von Politikern, Behörden und Einrichtungen. „Die haben jedem Unterstützung versprochen, als das Drama noch heiß war“, sagt Manfred Fabian, ehemals Schichtführer bei Envio. „Jetzt ist die große Hitze raus – und wir sind auf uns allein gestellt.“
Per, das vergessene Gift, macht Klaus-Peter Nowacki (links) das Leben schwer. Christian Althoff hat Angst um seine Familie.
Vieles verschwinde in der Versenkung. „Die Sache mit dem Per zum Beispiel“, sagt der 52-jährige Peter Nowacki. Per, das ist Tetrachlorethylen, ein Lösemittel, das Gifte wie PCB auswaschen kann – wenn es denn fachmännisch eingesetzt wird. Für Menschen ist Per giftig. Es schädigt Leber und Nieren, kann unfruchtbar machen, ungeborenes Leben bedrohen, Krebs erzeugen. Wer bei Envio in der PCB-Entsorgung gearbeitet hat, hat dieses Per im Blut, zum Teil in großen Mengen. „Aber darüber spricht keiner mehr“, sagt der ehemalige Envio-Produktionsleiter. „Leider auch kein Arzt.“
Die Aussagen der Betroffenen werfen Schatten auf das medizinische Betreuungsprogramm, auf Ärzte, Berufsgenossenschaft, Arbeitsagentur, Zeitarbeitsfirmen. Vor allem aber begründen sie tief sitzende Zweifel an Recht und Gerechtigkeit. „Die Bosse von Envio laufen frei und unbehelligt herum. Sie haben ihr Geld beiseite geschafft“, sagt Christian Althoff. Seine Frau und sein kleiner Sohn sind PCB-verseucht. „Doch was aus uns wird, kümmert in Wirklichkeit doch niemanden.“
Sehen Sie das komplette Interview mit den Envio-Opfern im Video auf dieser Seite.