Der tägliche Überlebenskampf

400-fach verseucht, fällt der Blick in eine ungewisse Zukunft.

Der Gang ins Dortmunder Rundschau-Haus fällt ihm, den wir Dennis Bark nennen, unendlich schwer. Nach dreieinhalb Jahren bei Envio ist er ein Wrack, körperlich und seelisch. Nach einer Noteinweisung lag er sechs Wochen in der Psychiatrie. Ohne starke Beruhigungsmittel, ohne seine Therapeutin, ohne den regelmäßigen Gang in die Tagesklinik sei er verloren, sagt der 45-Jährige heute.

Schon die Annäherung an unser Gespräch kostet Kraft. In der Dortmunder Innenstadt sind viele Menschen unterwegs. Und Menschen versetzen Dennis Bark in Panik. Jeder Schatten bedroht ihn. Schon auf den Anflug von körperlicher Präsenz reagiert er, dreht sich um, weicht aus, beobachtet, verkrampft, will nur noch weg. Ein Fluchtreflex, gesteuert von Angst. Den Raum, in dem wir sitzen, lotet er auf potenzielle Gefahren aus. Er zeigt auf die Nebentür. Das könnte eine Falle sein. „Kommt da jemand rein?“ Schritte auf dem Flur lösen starke Beschwerden aus. Schweißausbrüche, Herzrasen, Atemnot. Beklemmend ist das.

Gift-Hölle Arbeitsplatz: Am Envio-Schredder stand der Mann dreieinhalb Jahre im PCB-Staub.

Dieses Treffen zehrt an Kräften, von denen Dennis Bark kaum noch welche hat. Sie sind von PCB, Dioxinen und Furanen zerfressen worden. Zerfressen wie die Sohlen der Arbeitsschuhe, die dieser Mann trug, als er bei Envio am Schredder stand, viel zu lange, in dieser ätzenden Brühe, ohne Schutzmaske, gefangen in der giftigen Nebelwolke, die ihm bis heute den Atem nimmt, vor allem nachts, und dann ringt er verzweifelt nach Luft, doch die gibt es nicht, frische Luft zum Atmen, nicht unter dieser Dunstglocke, nicht in diesem stechenden, beißenden Qualm, der seinen Mund austrocknet – keine Luft, wie unter einer Plastiktüte, und er saugt und saugt, bis er schweißnass hochschreckt und hechelt, als wäre er um sein Leben gerannt, und weiß: Es geht tatsächlich um sein Leben.

Weil es viele Nächte mit solchen Träumen gibt und Dennis Bark irgendwann einmal ruhig schlafen möchte – deshalb spricht er. Er will das so. Er kämpft. Für sich, seine Familie, sein Stück Glück mit der neuen Freundin. Die alte hat ihn verlassen, wegen dieser permanenten Angstattacken.

Es ist ein schwieriger Kampf, voller Intensität. Er dauert eine dreiviertel Stunde. Dann brechen wir ab. Es wird schmerzhaft. Doch „die Erfahrung“, sich auf schwierigem Terrain etwas von seinem Leid von der Seele geredet zu haben, die „gibt ein bisschen Kraft“, sagt er im Gehen.

Hören Sie das komplette Interview sowie besonders bedrückende Momentaufnahmen aus der Lebenswelt des Envio-Opfers im MP3-Format.