Alte Leier, neues Spiel:
Gülle gewinnt

Pech im Glücksrittertempel: Die Envio-Aktionäre haben fast alles verloren.

Die Bosse der Giftfirma im Reich der einarmigen Banditen: „Wenn das keinen Symbolwert hat“, flachste ein Aktionär im Dortmunder Casino Hohensyburg. In dem Glücksspieltempel ging am 30. November die Hauptversammlung 2010 der Envio AG über die Bühne – ohne Gewinne für die Anleger. Auch ohne Entlastung für den Vorstand. Die wurde verschoben, mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen wegen Umweltstraftaten und Körperverletzung gegen die Unternehmensspitze.

„Christmas Show“ stand auf einem Banner am Eingang. Drinnen gab es die Rute für die Envio-Bosse. Doch die Hiebe gerieten insgesamt sanfter als Vorstandsvorsitzender Dr. Dirk Neupert sie erwartet hatte. Dafür sprach das Großaufgebot an Sicherheitskräften und Anwälten, das er engagiert hatte. Am Ende kostete die Versammlung mit Brötchen und Suppe für 35 Teilnehmer 40 000 Euro. Viel Geld für eine Firma mit einem „Fehlbetrag von 7,2 Millionen Euro“, deren „Eigenkapital mit 85 000 Euro nahezu aufgezehrt“ ist, wie Finanzvorstand Christoph Harks eingestand. Die Frage, ob der Aufmarsch von Aufpassern sein musste, blieb ebenso offen wie die Berechnungsgrundlagen für die Rückstellungen von 7,3 Millionen Euro, die Envio an den Rand der Überschuldung brachten.

"Bauer sucht Bebra? Ich weiß nicht." Anlegerschützer Thomas Hechtfischer glaubt nicht an das neue Geschäftsmodell.

„Unsere Gesellschaft hat es auf Seite 1 der großen Regionalzeitungen geschafft – mit der Schlagzeile ‚Giftmüll ging in die ganze Welt’“, empörte sich Thomas Hechtfischer, Landesgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Doch Neupert hielt die bundesweit beispiellosen Vergiftungen seiner Ex-Mitarbeiter für „ein bisschen plakativ“ aufbereitet von den Medien.

„Neupert ist wie das Wetter draußen: eiskalt“, fröstelte es Andrew Murphy, Chef des Bonner Investmenthauses Murphy&Spitz, bei den Bemerkungen des Envio-Bosses. Mit Blick auf den enormen PCB-Ausstoß der im Mai 2010 stillgelegten, aber zuvor jahrelang von der Bezirksregierung in Arnsberg geduldeten Entsorgungsanlage wies Neupert die Schuld der Überwachungsbehörde zu. Die müsse sich fragen: „Was bedeutet das, was ich hier genehmige? Welche Auswirkungen hat ein genehmigter Betrieb, der jeden Tag fünf Gramm PCB in die Luft pusten darf?“

Seit es Pustekuchen mit der Entsorgung in Dortmund ist, setzt Envio auf Biomasse. Das neue Spiel heiße Bebra Biogas Holding AG, bekamen die giftgeschädigten Aktionäre im Casino gesteckt. Sie hatten auf Envio gesetzt und hoch verloren. Jetzt mussten sie sich vorkommen wie beim Roulette. Schon rollte die Kugel. Aus Gärresten und Gülle gewännen Bauern natürlichen Brennstoff in Erdgasqualität, feierte Neupert sein nunmehr favorisiertes Geschäftsmodell. Finanzvorstand Christoph Harks jonglierte bei seinem Auftritt mit Zahlen, die hohe Gewinnchancen in der Gülle vermuten ließen. In der braunen Masse stecke eine rosige Zukunft.

Und wie früher im Giftgeschäft, schwor Neupert auf ein „neu entwickeltes, patentrechtlich geschütztes Verfahren – hochkompakt, hocheffizient, hochbelastbar, betriebssicher, wartungsarm“. Nur dass er diesmal nicht das einst fast wortgleich bejubelte LTR²-Verfahren meinte, das so fatal floppte und mehr PCB freisetzte als isolierte. Im Segment Biogas soll ein so genanntes „HD-Verfahren“ groß einschlagen. Es bringe kompakte Hofanlagen für die Landwirtschaft ans Laufen, die auf Dauer Blockheizkraftwerke überflüssig machen sollen.

"Neupert ist eiskalt": Fondsmanager Andrew Murphy hatte ein Geständnis des Envio-Bosses erwartet - und wurde enttäuscht.

Statt einer Barausschüttung bot Envio den Anlegern eine Sachdividende an: ein Bebra-Papier für 100 Envio-Aktien. „Was soll ich denn sonst machen? Das Geld gleich wegschmeißen?“, ergab sich ein frustrierter Kleinaktionär jammernd. Andere haderten, murrten, schimpften, stellten viele Fragen, bekamen wenig konkrete Antworten und blieben am Ende ratlos zurück. Im Vorjahr, im Dortmunder Harenberg-Center, „da gab es noch besseres Essen, dreimal soviel Teilnehmer und viel mehr Grund zur Freude“, fiel einem noch ein. Sein Nachbar haderte mit den permanenten Unterbrechungen der Hauptversammlung. Nahezu jede aufgeworfene Frage besprach die Envio-Spitze erst mit ihren Anwälten. Den Aufmarsch der Rechtsbeistände toppte nur noch die Zahl der Bodyguards. Doch die hatten nichts zu tun. Handgreiflichkeiten, von Vorstand und Aufsichtsrat offenbar durchaus einkalkuliert, blieben aus.

So ging dem Envio-Vorstandschef kein bekennendes Wort zu den heißen Themen über die Lippen. Die Verseuchung von Menschen und Umwelt, die ominösen Gifttransporte aus Kasachstan, seine eben aus dem Aufsichtsrat entfernte und schon wieder als Ersatzkraft nominierte Ehefrau – Neupert wich allen Fragen aus.

„Ich hätte erwartet, dass Sie ein Geständnis ablegen“, warf Fondsmanager Murphy in den Saal. „Das ist kein guter Ausgang für Ihr Lebenswerk.“ Worte, die an Neupert abperlten. Der holte noch mal gegen die Medien aus, kanzelte die 25 000-fache Verseuchung eines Leiharbeiters als „ein bisschen plakativ“ inszeniert ab. Bei den PCB-Blutwerten würden „Äpfel mit Birnen verglichen, das ist sehr eingängig“, sagte Neupert.

Nach fünf Stunden schwiegen auch die letzten der 35 Aktionäre, die sich in dem riesigen Saal verloren. Eine gespenstische Atmosphäre griff Raum im Glücksritter-Tempel. Anlegerschützer Hechtfischer fand als Erster die Sprache wieder. Ihm stank das Ganze. Nein, er glaube nicht an Gewinne durch Gärreste und Gülle. Die Bebra-Rechnung gehe kaum auf.

In den gezeigten Werbefilmen und Präsentationen tauchten „keine Investitionen, keine Kosten“ auf, „aber unten soll fünf Prozent Rendite rauskommen“, staunte Hechtfischer und warnte: Der Hinweis auf Einspeisevergütungen allein sei noch kein Geschäftsmodell. „Bauer sucht Bebra? Ich weiß nicht.“