„Egal, was die anfassen –
ich sehe schwarz“
"In den Werkshallen krachte das Vorzeige-Unternehmen in sich zusammen": Öko-Analystin Nicole Vormann.
Von außen hui, von innen pfui: Hinter der hübschen Fassade von Envio entdeckten Finanzexperten verheerende Zustände. Ein Gespräch mit Andrew Murphy, Vorstand der Investmentfirma Murphy&Spitz (M&S), und mit Nicole Vormann, Öko-Analystin des Unternehmens.
Frage: Herr Murphy, Ihre Firma brachte den Skandal um die Envio AG so richtig ins Rollen, als Sie ihr Kapital aus dem PCB-Betrieb abzogen. In der Folge wurde ein Verfahren gegen die Envio eingeleitet, die Werkshallen wurden geschlossen und der PCB-Betrieb stillgelegt. Was hat Sie veranlasst, Ihr Investment in die Envio AG zurückzuziehen?
Andrew Murphy: M&S hat 2009 auf Grundlage hervorragender externer Bewertungen, wie z.B. dem Umweltpreis der Stadt Dortmund, die ISO 14001 Zertifizierung sowie eines umfangreichen internen Researchs in die Envio investiert. Im Rahmen unserer kontinuierlichen Beobachtung und Überprüfung unserer Investments sind uns Anfang 2010 Unstimmigkeiten aufgefallen. Unsere Researchabteilung hatte gravierende Zweifel an dem Geschäftsmodell der PCB-Entsorgung und dies in einem Report zusammengefasst. Das ausweichende Verhalten des Managements hat uns dazu veranlasst, eine Überprüfung vor Ort vorzunehmen.
Nicole Vormann: Lediglich der Empfang in dem Bürokomplex konnte das alte Bild des Vorzeige-Unternehmens erhalten. Beim Betreten der Werkshallen krachte es dann in sich zusammen. In den Hallen sah es aus, als wäre dort seit den 80ern nicht mehr investiert worden, Lecks, Ölauffangwannen nur zum Teil, improvisierte Verbindungen, unzureichende persönliche Schutzausrüstung, kein Atemschutz, Drahtcontainer mit auslaufenden Flüssigkeiten – ein schmutziges Durcheinander, allein das zurück gewonnene Kupfer glänzte.
Das Vertrauen war dahin, es war klar, dass vieles nicht stimmt. Wir wollten dann Einsicht in die konkreten Messwerte zu den Luftmessungen. Dr. Neupert rief mich persönlich an und teilte mir mit, dass es sich bei den Werten um Betriebsgeheimnisse handelt, die wir nicht bekommen. Dies war bei einem ng/m3 Wert PCB, aus dem man nicht auf Produktionsmengen schließen kann, verdächtig. Entweder Neupert hatte keine Ahnung oder es handelte sich um bewusste Täuschung.
Wir haben Ende April 2010 die Konsequenzen gezogen, Envio unser Vertrauen entzogen und unseren Verkauf publiziert. Danach ging alles Schlag auf Schlag: Am Tag nach unserer Pressemitteilung erfolgte die Teilschließung der Envio-Produktionshallen im Dortmunder Hafen.
"Schockiert von den Antworten und den Darbietungen": Andrew Murphy, Vorstand des Investmenthauses Murphy&Spitz.
Frage: Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Situation der Envio AG heute ein?
Andrew Murphy: Die Umsatzzahlen sind noch einigermaßen im Rahmen, aber die wirtschaftliche Lage ist schwierig zu bewerten. Das Unternehmen liefert intransparente bzw. verwirrende Informationen zur Geschäftsentwicklung. Der Kapitalmarkt bewertet Unternehmen vornehmlich anhand von Kennzahlen. Das basiert aber immer darauf, dass man es mit einem vertrauensvollen Management zu tun hat. Ist das Vertrauen in ein Unternehmen bzw. in das Management verloren, so wiegt dieses schwerer als Kennzahlen, egal ob positiv oder negativ. Bei Envio und dem Management ist die Sachlage klar. Die Herren Neupert und Harks sind definitiv keine vertrauenswürdigen Unternehmer. Es ist somit egal, was diese Personen in Zukunft anfassen. Ich sehe schwarz sowohl auf der wirtschaftlichen Ebene als auch für den Börsenkurs der Envio AG.
Frage: Würden Sie das Problem nur an den beiden Vorständen festmachen?
Nicole Vormann: Der Umgang mit der Öffentlichkeit vor und nach dem Bekannt werden der Umweltschweinerei bescheinigt der Geschäftsführung eine steinzeitliche Kommunikationspolitik. Moderne Unternehmen agieren hier anders. Dass die Vorstände die „gesellschaftliche“ Betriebserlaubnis nicht mehr bekommen, haben sie sich ganz klar selbst zuzuschreiben.
Für mich liegt das Problem aber nicht nur bei den Vorständen. Die deutsche Umweltgesetzgebung ist so aufgebaut, dass mehrere Instanzen unabhängig voneinander das Unternehmen kontrollieren. Auch externe Auditoren haben darauf geschaut. Was ist mit der Berufsgenossenschaft, den Betriebsärzten, den Auditoren, den Behörden, jeder hat hier seinen Anteil. Das einzig Gute an dem Fall ist, daraus zu lernen, wie man so etwas zukünftig vermeiden kann.
Frage: Die Biogas Sparte der Envio ist umbenannt worden, was halten Sie von der neuen Bebra Biogas AG?
Andrew Murphy: Neupert hat die neuen Pläne auf der letzten Hauptversammlung vorgestellt, blieb aber in fast allem sehr vage und verschlossen, von Transparenz und Vertrauen keine Spur. Ein vielversprechendes Investment sieht anders aus. Dafür waren die Zahlen und das Konzept nach unserer Einschätzung einfach zu schlecht. Interessant fand ich, dass bei der Bebra Biogas wieder mit einem patentierten Verfahren – wie bei Envio auch – geworben wird. Anleger sind jedenfalls nicht die Gewinner bei der Bebra, der Kurs hat von der Spitze bereits 70% verloren. Es würde mich interessieren, wie hoch hier die Gehälter für Neupert & Co. sind. Schaut man sich ferner die politischen Diskussionen an, so kann ich mir sehr gut vorstellen, dass es eine Anpassung des EEG auch zur Vergütung von Biogas geben wird. Murphy&Spitz hat Zweifel, ob Nachzügler wie die Bebra Biogas noch wirtschaftlich erfolgreich sein können. Zumal Neupert & Harks vom seriösen Kapitalmarkt abgeschnitten sein sollten.
Frage: Sie haben auf der Hauptversammlung 2011 laut über einen Antrag zur Sonderprüfung nachgedacht, diesen aber dann doch nicht gestellt, haben Sie die Antworten des Vorstandes überzeugt?
Andrew Murphy: Nein, überhaupt nicht, vielmehr war ich schockiert von den Antworten und den Darbietungen. Ich habe mir aber die Anwesenheitsliste angeschaut: 90% der Stimmrechte waren bei einer Person gebündelt. Diese Person war der Rechtsbeistand der Envio und hat mir am Eingang die Stimmrechte in die Hand gedrückt. Ich sah keine Chance Transparenz zu erlangen. Der Aktienkurs der Envio ist eine klare Antwort der Kapitalmärkte, nun bin ich gespannt, welche Antworten die Staatsanwaltschaft gibt.
Murphy&Spitz ist eine ökologische Investmentgesellschaft, die mit dem Murphy&Spitz Umweltfonds Deutschland (WKN A0QYL0) in die Envio investiert war. Murphy&Spitz untersucht Unternehmen sowohl nach ethisch-ökologischen als auch nach wirtschaftlichen Parametern.