Die Ehefrau des Chefs als Chefaufseherin

In guten wie in schlechten Zeiten heckten Dirk Neupert und Tatjana Hancke die Envio-Expansionspläne aus - auf dem heimischen Sofa.

Das weltweite Profitstreben der Giftfirma Envio wurde in trauter Zweisamkeit koordiniert. Im Wohnzimmer eines repräsentativen Anwesens im noblen Dortmunder Stadtteil Sommerberg planten Dr. Dirk Neupert und Dr. Tatjana Hancke den internationalen Expansionskurs der Envio AG. Der Vorstandschef und die Ex-Aufsichtsratsvorsitzende des Skandalunternehmens sind seit 14 Jahren verheiratet.

Bis zur Enthüllung durch die Westfälische Rundschau im Juli 2010 wusste das kaum jemand. Kein Wunder, die Familienbande an der Firmenspitze war sorgfältig getarnt. Beide hatten ein dichtes Netz von Beteiligungsgesellschaften gesponnen. Öffentlich traten sie äußerst selten zusammen auf, unter gemeinsamem Namen schon gar nicht. Als der Ehebund öffentlich bekannt wurde, reagierten Anlegerschützer und Investoren alarmiert.

Die Ehefrau des Chefs als Chefaufseherin – dieses Konstrukt stand nicht im Geschäftsbericht 2008 der Envio AG. Auch nichts über Verseuchungen von Mitarbeitern und Umwelt, Verstößen gegen Auflagen und Genehmigungen oder kriminelle Energie, die dem mit diversen Strafanzeigen belasteten PCB-Entsorger vorgehalten werden. Der Geschäftsbericht beschreibt allein die Kontrollfunktion des Envio-Aufsichtsrates. Von „regelmäßigen Berichten des Vorstandes über die Lage und Entwicklung der Gesellschaft und ihrer Töchter“ ist da die Rede. Schwerpunkte: strategische Ausrichtung, Beteiligungspolitik, Internationalisierung, Optimierungspotenziale. Dass Neupert und Hancke beim Tête-à-tête auf dem Sofa darüber plauderten, ahnten Kleinanleger wohl kaum.

Auf Anfrage reagierte Envio damals mit einer spontanen Börsennotiz. Die bestätigte die Personalie und spielte den Fall herunter. Die Ehe sei „bereits vor Jahren öffentlich gemacht“, auch im Verkaufsprospekt zum Börsengang 2007. Selbst erfahrenen Marktexperten allerdings war die Nachricht bis dato völlig neu. Weder das Investmenthaus Murphy&Spitz in Bonn noch die Analysten von Independent Research in Frankfurt kannten seinerzeit die Verflechtung.

Anlegerschützer und Investoren zeigten sich alarmiert. „Diese personelle Verquickung macht es schwierig, Kontrolle auszuüben“, bemängelte Harald Rotter, Leiter der Schutzvereinigung der Kapitalanleger (SdK) in München. „Manipulationsspielräume“ seien „zumindest denkbar“. Börsen-Fachmann Rotter: „Am regulierten Geldmarkt würde so etwas niemals akzeptiert.“ Die Envio-Aktie aber würde im Freiverkehr gehandelt, einem Segment ohne strengere Vorschriften. Dort gebe es deutlich weniger Auflagen, sagte der Aktionärsschützer und warnte vor „hohen Risiken“.

Der Bund der Ehe als Ring, der Vorstands- und Aufsichtsratsspitze verbindet – „das ist nicht unzulässig, aber anstößig“, sagt Prof. Dr. Olaf Müller-Michaels, Wirtschaftsrechtler aus Bochum und Aufsichtsratschef von Murphy&Spitz. „Türen in die Illegalität“ könnten geöffnet werden, „etwa durch Überkreuzbeteiligungen und eigenartige Geschäfte“.

Ein engmaschiges Netz aus Beteiligungsgesellschaften hatten sich die beiden Führungskräfte im Sommer 2010 zusammengesponnen. Dr. Dirk Neupert war zu dieser Zeit nicht nur Vorstandschef der Envio AG und der Envio Recycling GmbH & Co KG. Er führte auch die Geschäfte der CD Vermögensverwaltungs GmbH, der EBB Verwaltungs GmbH, der Envio Germany und der Envio Grundbesitz Holding, der Envio Grundbesitz GmbH und der Patrizia TDA Beteiligungs GmbH. Dr. Tatjana Hancke war Vorstandsmitglied der K’vio AG, Geschäftsführerin der Envio Mar GmbH und der K’vio Geschäftsführungs GmbH sowie der Patrizia Holding, ehemals Dirk Neupert Beteiligungs GmbH.

Geldeinlagen und Pöstchen wurden bunt durchmischt. Ein Beispiel: Die von Hancke geführte EnvioMar GmbH verfügte über ein Stammkapital von 25 000 Euro. Die Einlage stammte von der Envio Water Holding GmbH. Die hatte zwei Gesellschafter, die sich die Summe teilten. Je 12 500 Euro kamen von der Dirk Neupert Beteiligungs GmbH sowie von der Harks Venture GmbH. Christoph Harks ist – neben Neupert – ebenfalls Vorstandsmitglied der Envio AG. Auf diese oder ähnliche Art und Weise zogen drei Akteure die Strippen in einem kaum überschaubaren Dickicht aus miteinander verflochtenen Firmen.

„Da gibt es überhaupt keine Transparenz. Das ist gefährlich und für den Anleger nicht zu durchschauen“, kritisierte Aktionärsschützer Rotter. Es berge „die Gefahr, dass Vermögens- und Unternehmenswerte zwischen den Tochtergesellschaften hin- und hergeschoben und möglicherweise dem Konzernabschluss entzogen werden“. Mit Blick auf die Envio-Aktie, die im Herbst 2010 binnen drei Monaten fast 80 Prozent an Wert verloren hatte, senkte der Anlegerschützer den Daumen: „Hände weg von dem Ding.“ Wer das Papier noch habe, solle es schleunigst fallen lassen, „denn 90 Cent sind besser als 0 Cent.“

Unmittelbar nach unserem Bericht über die Familienbande an der Konzernspitze sah Envio „keine Veranlassung für personelle Veränderungen im Aufsichtsrat“. Zwei Monate später räumte Tatjana Hancke den Chefsessel im Kontrollgremium. Seitdem sitzt dort Marco Romswinkel, ein Steuerberater aus Greven.