Freier Eintritt, freier Giftaustritt
Unglaublich, aber wahr: Die Tür von Halle 55 steht offen. Nicht nur Klaus Brandt, Redakteur der WAZ-Mediengruppe, hatte wiederholt freien Zutritt zum Giftmülllager. Hunderte von Menschen, die hier arbeiten, konnten problemlos herein.
Der PCB-Skandal um die Giftfirma Envio wird zum Sanierungsskandal. Versprechungen der Bezirksregierung Arnsberg, der Schutz von Menschen und Umwelt habe höchste Priorität, entpuppen sich nach Recherchen der WAZ Mediengruppe als Worthülsen. Eine verseuchte Halle, in der sich 1150 Tonnen Giftmüll stapeln, ist für jedermann auf dem Gelände frei zugänglich. Giftiger Staub kann entweichen. Die WAZ Mediengruppe entdeckte erschreckende Sicherheitslücken.
Kein Behördensiegel. Keine Absperrung. Kein Verbotsschild. Nichts. Die Tür von Halle 55 ist offen. Ein Druck auf die Klinke – und man ist drin in dem Giftlager. Es ist 50 Meter lang, 26 Meter breit, 18 Meter hoch. 1150 Tonnen Giftmüll verteilen sich auf 1300 Quadratmetern. Fast alles in diesem Bau ist mit krebserregendem PCB verseucht: der Boden, die Wände, der Staub, die Luft. Vor allem aber das dort angesammelte Material. „Von den untersuchten Oberflächen der Lagergüter sind ca. 81 Prozent verunreinigt“, heißt es im Gutachten der Firma Taberg, die das Sanierungskonzept für die Bezirksregierung erstellt. „Verunreinigt“ meint giftig.
Gründe genug, die Halle hermetisch abzudichten, zu verriegeln und zu versiegeln. Zumal Regierungspräsident Gerd Bollermann (SPD) die Losung „Sicherheit geht vor Schnelligkeit“ ausgerufen hat. Bei der Sanierung des Envio-Geländes hätten Umwelt- und Arbeitsschutz „oberste Priorität“, sagt der Chef der Überwachungsbehörde. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.
Trip durch eine verseuchte Endzeitkulisse: Mit Schutzanzug und Atemmaske unterwegs in der PCB-verseuchten Halle 55.
72 Stunden nach dem ersten Tag der offenen Gifttür kommt die WAZ Mediengruppe erneut problemlos in Halle 55. Ein Trip durch eine beklemmende Endzeit-Kulisse, mit Ganzkörperschutz und Atemmaske: Die PCB-Werte in der Halle sind extrem hoch. Bis zu 7700-fach verseuchte Kondensatorenbleche liegen neben kontaminierten Alu-Spulen und Bergen von Kupferschrott. Boxen, Kisten, Container, Fässer, Wannen, Kessel – Behälter jeder Form und Größe. Die meisten sind randvoll mit giftigem Zeug.
„Nicht anfassen!“, steht handgeschrieben auf einem ölgetränkten Stück Pappe, das inmitten von Kleidungsstücken liegt. Es sind die verseuchten Sachen von Männern, die in Halle 55 gearbeitet haben. Einer dieser Männer ist Anfang des Jahres gestorben. Ein medizinischer Beweis, dass sein Tod nichts mit den hohen Mengen von PCB in seinem Blut zu tun gehabt hat, steht immer noch aus.
Glitschig ist es. Aus haushohen, tonnenschweren Transformatoren tropft Öl. Alte Werkzeuge, Arbeitshandschuhe und Zigarettenkippen schwimmen in einer schmierigen, dunklen Brühe. Der Fußboden ist übersät mit solchen Pfützen.
In einer Ecke stehen sogenannte Big Packs: sehr große Plastiksäcke, in denen die extrem verseuchten Bindemittel der berüchtigten UTD-Transformatoren verstaut wurden. Weißes Pulver, das aussieht wie der ultragiftige Bindemittel-Schnee, bedeckt weite Teile des Bodens in Halle 55.
Eine schmierige dunkle Giftbrühe verteilt sich in der verseuchten Halle.
“Großflächig belastet”, steht im Gutachten. Das Gift hat sich durch den Stahlblechboden gefressen, ist in den Beton eingedrungen. Noch in zehn Zentimetern Tiefe haben die Gutachter PCB gefunden. Der Stahlboden und fünf Zentimeter Betonschicht sollen raus. Tiefer als zehn Zentimeter hat niemand gebohrt. „Dabei sickern gerade die besonders gefährlichen PCB-Gruppen ganz tief ein“, sagt Michael Müller, PCB-Berater der Vereinten Nationen. Bisher liegen nur Stichproben vor, in Halle 55 wie auf dem gesamten 55000 Quadratmeter-Areal. „Viel zu wenig für einen solch beispiellosen Skandal“, kritisiert Müller. Deshalb sei das gesamte Ausmaß der Verseuchung nicht seriös abzuschätzen.
Nach einstündigem Schnaufen unter der Maske: endlich Frischluft. Draußen weht ein böiger Wind. Das ist gefährlich für Menschen und Umwelt. Denn das Giftmülllager ist nicht nur unverschlossen, es ist auch keineswegs luftdicht. Ein Fenster am Eingangstor ist beschädigt und steht halb offen; am anderen Ende der Halle ist eine Schutzfolie großflächig eingerissen. Der Durchzug wirbelt den giftigen Staub in dem Bau auf und trägt ihn ins Freie.
Durch solchen PCB-Staub sind die Kleingärten im Dortmunder Norden vergiftet worden. Das Landesumweltamt rät seit zweieinhalb Jahren davon ab, Grünkohl anzubauen oder zu verzehren. Heute ahnen die betroffenen Gärtner nichts von der offenen Halle 55, den Sicherheitsrisiken auf dem verseuchten Gelände, der neuerlichen Giftstaubgefahr. Auch die Mitarbeiter der DHL-Poststation, die vor Halle 55 ihre Zigaretten rauchen, sind unbesorgt. Schutzkleidung tragen sie nicht. Niemand auf dem Gelände trägt so etwas.
Die örtliche Bürgerinitiative warnt. „Dass das gesamte PCB-verseuchte Material immer noch auf dem Gelände lagert“, ist Sprecherin Wiebke Claussen nicht geheuer. Sie fordert „die sensible Einhaltung von Schutzstandards für Anwohner, Anlieger und Arbeiter“.
Regierungspräsident Bollermann hat erst kürzlich gesagt: „Wir werden beim Arbeits- und Umweltschutz zukünftig gründlicher hinschauen.“ Doch für Menschen, die auf dem verseuchten Envio-Gelände arbeiten oder in der Umgebung leben, bleibt Sicherheit noch immer eine Illusion, auch fast eineinhalb Jahre nach Schließung der Giftfirma.