Das Logbuch der Giftmischer

Über die marode Dampfanlage entwichen große Mengen des Lösemittels Per. Ehemalige Envio-Arbeiter leiden bis heute unter dem Nervengift.

Sie waren im Bilde. Die Envio-Verantwortlichen wussten, dass sie gegen Umweltauflagen und Arbeitsschutzregeln verstießen, Gesetzesverstöße und Mängel vertuschten, Behörden und Firmen täuschten. Sie taten es gezielt und systematisch. Das belegen interne Envio-Protokolle, die der WAZ Mediengruppe vorliegen.

Die Firmenunterlagen dokumentieren ein halbes Jahr Envio aus der Innenperspektive, sechs Monate im Jahre 2008. Sie entstanden bei Betriebs- und Schichtleitersitzungen, an denen neben Betriebsleiter Uwe K. zum Teil auch Envio-Vorstandschef Dirk Neupert persönlich teilnahm. Die Protokolle bezeugen fahrlässige Schlampereien bei diversen technischen Defekten im Zuge der Behandlung des krebserregenden Giftes PCB. Sie legen nahe, dass gesetzliche Vorschriften wissentlich verletzt wurden.

Im schwarzen Bereich (Halle 1) das verseuchte Material, im weißen (Halle 55) das saubere. So sollte es sein. Die Wirklichkeit bei Envio sah anders aus. Die internen Firmenprotokolle erklären, wie es zu den massiven Verseuchungen in Halle 55 kam. Der vermeintlich weiße Bereich diente als PCB-Lager. Nur wenn sich Besuch ankündigte, wurde fein säuberliche Ordnung vorgetäuscht.

"Schnellstens zu Halle1": Verseuchte Transformatoren in Halle 55, dem weißen Bereich von Envio.

Ende Januar 2008: Ein Förderband ist defekt. In der 5. Kalenderwoche (KW) soll es erneuert werden. Mechaniker der Herstellerfirma werden erwartet. „Deshalb muss dieser Bereich am Mittwoch sauber sein. Der Trafo in Halle 55 muss schnellstens zu Halle 1. Alte Behälter und Wannen verschrotten.” So die Anweisungen vom 28. Januar. Große Beachtung finden sie erst einmal nicht. Denn auch am 12. und 15. Februar heißt es: „Trafo in Halle 55 schnellstens zu Halle 1”, jetzt mit verlängertem Zeitfenster: „KW 8/9”.

Die Envio-Protokolle bestätigen, dass PCB-belastetes Material das Firmengelände verlassen hat. „Das Aluminium ist einmal zerkleinert. Wir müssen jetzt kontrollieren, ob diese Qualität akzeptabel ist”, heißt es am 15. Februar. Die Kontrolle gestaltet sich so: „Eine Probeladung geht raus.” Offenbar hat der Empfänger die Lieferung geprüft, bemängelt und zurückgeschickt, denn drei Wochen später findet sich diese Protokollnotiz: „Das Aluminium-Mahlgut hat noch einen zu hohen PCB-Gehalt.” Eine Lösung werde gesucht, heißt es am 18. April. Gefunden wird sie bis in den Juli hinein nicht.

Ob ein Betriebsteil genehmigt ist oder nicht, das ist nebensächlich. Ein Beispiel: die Vakuumdestillation, ein Verfahren, bei dem PCB und Altöl voneinander getrennt werden sollten – wenn die Anlage abgenommen und intakt ist. Bei Envio läuft es anders. Protokollauszug vom 7. Januar: „Die Vakuumdestillation ist momentan noch nicht genehmigt. Trotzdem haben wir vereinbart, zwei bis drei Leitungen zu verlegen, sodass wir die Anlage betreiben können. Zeitplan: Kalenderwoche (KW) 7.” 12. Februar, gleicher Sachstand, mit dem Zusatz: „Es wird noch ein Wärmetauscher eingebaut. Der Umbau dauert ca. drei Tage.” Oder auch nicht, denn am 7. März und am 18. April heißt es wortgleich: „Wird umgebaut, sobald Herr K. aus dem Urlaub ist.” Es wird nicht besser. „Die Anlage läuft, muss aber noch weiter umgebaut werden” (16. Mai) bzw. „muss noch weiter optimiert werden” (9. Juni). Das neue Zeitfenster: „KW ?”. So steht es tatsächlich im Protokoll.

Immer wieder versagte die Technik im Hause Envio. Und immer wieder wurden Reparaturen hinausgezögert. Ein Beispiel: die Rotamill-Anlage, eine Abluftreinigung mittels Aktivkohlefilter, die ein Entweichen von PCB in die Umwelt verhindern soll. Die Anlage „ist defekt. Man konnte nicht klären, ob sie richtig gewartet wird”, heißt es am 7. Januar. Zeitplan: „KW 2“. Die nächste Fehlermeldung folgt am 14. Januar: „Der Kondenswasserableiter ist wahrscheinlich zu klein dimensioniert. Zukünftig vergrößern!? Das undichte, durchgerostete Rohr muss ersetzt werden.” Müsste, wird es aber nicht. Am 12. Februar leckt dieses Rohr immer noch. Der neue Plan: „Das T-Stück wird abgebaut und abhängig von den Möglichkeiten gleich repariert oder zurückgebaut und später ersetzt.” Bis zum 20. Juni ist die Leitung immer noch undicht. Envio erwartet nun eine Rückmeldung des Lieferanten. „Ein Kostenvoranschlag ist angefordert.”

Katastrophale Zustände herrschten in der PCB-Entsorgung der Giftfirma.

Auch durch andere Leckagen entweicht Gift. Zum Beispiel das Lösemittel Tetrachlorethylen (Per), eine Chemikalie, die Leber und Nieren angreift, Krebs erregen und Hirnschäden auslösen kann. Mit diesem Stoff werden bei Envio PCB-verseuchte Trafos bearbeitet. Die dabei entstehenden toxischen Dämpfe sollten durch Aktivkohlefilter strömen. Die bezeichnet Envio-Vorstand Dirk Neupert als Garanten für saubere Abluft.

Doch 2008 funktionieren die Filter nicht. „Um den Verlust von Per über die Filter zu bestimmen, wird zwei Wochen lang eine Messung gemacht”, heißt es am 20. Mai. Am 16. Juni ein erstes Ergebnis: „Über den Feinfilter der Dampfanlage verlieren wir 1,25 Kilogramm Per pro Filter. Das sind 2,5 Kilogramm pro Tag. Der Verlust über die anderen Filter muss noch gemessen werden.” Vier Tage später wird die Dimension des Problems deutlicher: „Wegen des massiven Per-Verlustes untersuchen wir alle Quellen, wo möglicherweise Per verlorengeht.” Eile hat man nicht, das verdeutlicht dieser Hinweis im Juni: „Eine Arbeitsmappe dieser Anlage wird nächstes Jahr erstellt.”

Die Destillationskolonne, eine riesige Anlage, die PCB kontrolliert auffangen soll, läuft kaum noch. Befund vom 7. Januar: „Die Verrohrung ist in einer sehr schlechten Verfassung.” Aufgrund dessen träten „regelmäßig Leckagen” auf. Aktuell liege die Kapazität „weit unter der möglichen Leistung. Mögliche Gründe: Verstopfung der Rohre, Wärmetauscher oder Klappen. Auch sind einige Rohre der Anlage abgeklemmt.” Neue Teile sollen so eingebaut werden, dass „die alten Teile die neuen so wenig wie möglich verunreinigen”. Der Zeitplan dafür (KW 3) gilt schon eine Woche später nicht mehr. „Weil Herr K. für einige Zeit nach Korea muss, wird die Erneuerung der Verrohrung voraussichtlich in KW 8 anfangen.” Tatsächlich ist man auch in Kalenderwoche 16 noch nicht weiter. „Wir suchen zurzeit nach einer Fachkraft oder Firma, die die Rohrleitung schweißen kann oder darf”, heißt es da.

Extrem mit PCB verseuchter Bindemittel-Staub bei Envio. Firmenprotokolle und Fotos entlarven den Betrieb als dreckige Giftschleuder.

Den Umgang mit PCB entlarven die Protokolle als fahrlässig. Das gilt besonders für die so genannten UTD-Trafos – extrem verseuchte Geräte aus der Untertagedeponie (UTD) Herfa-Neurode, dem größten unterirdischen Sondermülllager der Welt. Sie werden mit Bindemitteln angeliefert, die mit PCB durchsetzt sind. Das schneeweiße, ultragiftige Material blättert ab, sobald der Envio-Gabelstapler einen Trafo anhebt. Toxischer Staub rieselt wie Mehl heraus, verteilt sich auf dem Boden, in der Luft, auf der Haut und in der Kleidung der Arbeiter.

Ein Sauger soll diese krebserregenden Bindemittel entfernen. Aber: „Der alte Sauger verursacht viel Staub und funktioniert nicht optimal.” Das wird schon am 7. Januar protokolliert, mit dem Zusatz: „Kauf eines neuen, bereits angedachten Saugers darf offiziell noch nicht umgesetzt werden (Genehmigung).” Zeitplan: KW 3.

Das ungeeignete Gerät, nach Aussagen von Arbeitern eine zusammengeschusterte Eigenkonstruktion, ist auch noch am 16. Mai im Einsatz. „Zu klären ist, ob die Filter gereinigt werden müssen oder ob ein anderes Problem die Ursache ist”, heißt es im Protokoll. „In Kalenderwoche 26 werden wir uns entscheiden, wie wir weiter verfahren”, lautet der Vermerk Ende Juni.

Der defekte Sauger läuft und läuft und läuft. Mindestens dieses halbe Jahr lang bläst er den verseuchten Staub durch die Halle statt ihn zu entfernen. Die Arbeiter sind dem Gift ausgeliefert. Die meisten tragen weder Schutzanzug noch Atemmaske.

Lesen Sie hier die Original-Protokolle der PCB-Katastrophe: