Der PCB-Mann –
ein Opfer als Forschungsobjekt
Unglaubliche Giftwerte, schwarz auf weiß: Der anonymisierte ehemalige Mitarbeiter der Firma Envio hat die höchsten PCB-Konzentrationen im Blut, die jemals in Europa gemessen wurden.
Der Mann verkörpert eine Katastrophe. Buchstäblich. Sven Wegner (Name geändert) hat die höchste Menge von krebserregendem PCB im Blut, die jemals in Europa nachgewiesen wurde.
255,736 Mikrogramm PCB 28 pro Liter – eine mehr als 25 000-fache Verseuchung. Der stillgelegte Entsorger Envio hat diesen Wahnsinn zu verantworten. Viele Mitarbeiter wurden dort verheizt. Am schlimmsten Sven Wegner.
30 Monate reichen, um eine Gesundheit zu ruinieren. 30 Monate bei Envio. Zweimal heuert die Giftfirma ihn an, jeweils über ein Zeitarbeitsunternehmen. Bei den gefährlichsten Arbeiten hält meist Leihpersonal die Knochen hin. Für 9,56 Euro die Stunde steht Sven Wegner nicht nur mitten im Gift. Er badet fast darin. Seine Aufgabe: Transformatoren zerlegen. Alte, schwerst verseuchte Geräte. Die Firma spielt die Gefahr herunter. „Es gab eine kurze Unterweisung, vielleicht zehn Minuten. Tenor: Alles ungefährlich. PCB gibt es überall. Kaum der Rede wert“, erinnert sich der Dortmunder. Damals glaubt er den Chefs.
„Der hat den dreckigsten Job von allen“, sagen die Kollegen. Sven Wegner bohrt Transformatoren auf, um das PCB-durchsetzte Öl abzulassen und sie dann zu zersägen. „Irgendwann schießt das Zeug heraus, spritzt dir ins Gesicht, läuft Arme und Beine runter.“ Der Leiharbeiter trägt nur einen dünnen Papieranzug. „Nach zehn Minuten ist der durch – pitschnass.“ Ein giftiger Film bedeckt die Haut. Es klebt. Es juckt. Als das Sägeblatt den Trafo durchtrennt, steigt beißender Rauch auf. Unter Hitze setzt PCB Dioxin frei. Eine Abluftanlage gibt es nicht. Die Vollmaske, die sein Gesicht schützt, hat Sven Wegner selbst mitgebracht. Doch nach zwei Monaten sieht er nichts mehr. PCB hat das Visier verätzt. Als Ersatz bekommt er eine Halbmaske aus billigem Plastik. Wangen, Stirn und Gesicht liegen jetzt frei. Das Gift hat freie Bahn.
„Über die Haut und die Atemwege hat er das PCB aufgenommen“, sagt Prof. Dr. Thomas Kraus. Der Chef des Instituts für Arbeitsmedizin an der Uniklinik Aachen ist einer der führenden PCB-Experten in Deutschland, aber ein solches Blutergebnis hat er noch nicht gesehen. „Das sind extreme Belastungen.“ Ein Erlanger Speziallabor weist insgesamt über 415 Mikrogramm PCB im Körper des 32-Jährigen nach. Beim PCB 28 sprengt die Giftmenge den Referenzwert um mehr als das 25 000-fache. Ein schockierender, verstörender Befund.
Prof. Dr. Michael Wilhelm (Ruhr-Universität Bochum) vergleicht die Werte der Envio-Opfer mit den Folgen der Katastrophen von Yusho und Seveso.
Weltweit gibt es kaum vergleichbare Fälle. „Vielleicht die Yusho-Krankheit“, sagt Prof. Dr. Michael Wilhelm, Chef der Kommission Human-Biomonitoring des Umweltbundesamtes, und erinnert an PCB-verseuchten Reis in den 1960er- /70er-Jahren in Japan und Taiwan. „In Deutschland kennen wir so etwas bisher nicht.“ Umweltmedizinisch bewertet, nennt Wilhelm die Envio-Vergiftungen in einem Atemzug mit globalen Katastrophen. „Tschernobyl, Bhopal und Seveso sind ähnliche Fälle, nur mit anderen Giften.“
Sven Wegner hat sich hier nicht einreihen wollen. Plötzlich ist er ein medizinisches Forschungsobjekt: der PCB-Mann. „Der Professor in der Uniklinik hat gesagt: ‚Schade, dass die Studenten nicht da sind. Denen müsste man ihre Werte eigentlich sofort zeigen‘.“ Was sie für den 32-Jährigen bedeuten, ist ungewiss. PCB gilt als krebserregend. Es kann Organe zerstören, das Nerven- und Immunsystem schädigen, die geistige Entwicklung beeinträchtigen, zur Zeugungsunfähigkeit führen. All das kann Sven Wegner passieren. Muss es aber nicht. PCB ist unberechenbar. Es steckt im Körper, baut sich kaum ab. Ein toxischer Blindgänger. Irgendwann kann er hochgehen und viel zerstören. Ob, wann, wo, wie – das weiß niemand. Das ist das Heimtückische an diesem Gift.
Sven Wegner spürt, dass es seine Nerven kaputtmacht. Er weiß einiges über das Teufelszeug. „Der Körper erkennt die Gitterstruktur des PCB. Die sieht für ihn gut aus, also nimmt er sie gerne an. Die Chlor-Atome, die da dranhängen, erkennt er nicht. Und die sind verhängnisvoll.“ Freunde, mit denen er reden könnte, gibt es nicht. Und das Nachdenken, daheim, wenn er abends alleine im Sessel sitzt, das will er sich ganz abgewöhnen. „Wenn ich es zu nah an mich heran lasse, kann ich mich gleich erschießen.“
Nach außen trägt er ein dickes Fell. Reiner Selbstschutz. Gut geht es ihm nicht. Vor einigen Monaten haben die Ärzte Diabetes diagnostiziert, keine vererbte. Schon eine Folge der PCB-Vergiftung? „Es gibt Hinweise auf Diabetes als Folge von PCB-Belastungen, aber keine gesicherten“, sagt Prof. Wilhelm. Es könnte noch viel schlimmer kommen. Denn Spezialuntersuchungen haben auch extrem hohe Mengen der Ultra-Gifte Dioxin und Furan im Körper des 32-Jährigen nachgewiesen. Die Prognosen für ihn sind nicht gut. „Bei solch immensen Konzentrationen ist nichts auszuschließen“, sagen die Experten.
„Ich bin ein pessimistischer Optimist. Ich gehe vom Schlimmsten aus und hoffe das Beste“, hält Sven Wegner dagegen. Große Ansprüche hat er nicht. „Bis 67 arbeiten, meine Rechnungen bezahlen, mehr will ich gar nicht.“ Doch der Befund hat selbst diese Planung erschüttert. „Heute frage ich mich: „Werde ich überhaupt 67?“