Ermittler leisteten sich schwere Fehler

Fünf Monate nach der ersten Razzia durchsuchte die Staatsanwaltschaft am 6. Oktober 2010 erneut die Envio-Zentrale - und nahm mit, was dort noch übrig war.

Schlampige Arbeit, schlechter Kenntnisstand: Die Staatsanwaltschaft Dortmund machte keine gute Figur bei den Ermittlungen. Entweder machten sich die Fahnder das Leben selbst schwer, oder sie hinkten den Ereignissen einfach nur hinterher. Ein Pannen-Protokoll.

19. Mai 2010: Bei der ersten Razzia auf dem Envio-Gelände durchkämmen Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei fünfeinhalb Stunden lang die Firmenzentrale und das Betriebsgelände im Dortmunder Hafen. „Wir hatten sehr genaue Vorstellungen von dem, was wir suchten”, beschreibt Oberstaatsanwältin Ina Holznagel anschließend den Einsatz. Alles scheint glatt gelaufen zu sein. „Die Leitung des Unternehmens hat kooperiert”, sagt Holznagel. Die Envio-Verantwortlichen hätten die verlangten Akten freiwillig ausgehändigt.

Im September 2010 erscheint die Razzia in einem ganz anderen Licht. Die WAZ Mediengruppe enthüllt: Der leitende Oberstaatsanwalt hat bei der Durchsuchung im Mai umfangreiches Beweismaterial bei Envio liegengelassen. Zur Verwunderung der beteiligten Kriminalbeamten hat er „nur ausgewählte Unterlagen mitgenommen“, wie Holznagel auf Anfrage bestätigt. Interne Dokumente, Firmen- und Privatrechner, darunter auch Daten der Envio-Bosse Neupert und Harks, Liefer- und Zollpapiere blieben unangetastet – und zwar auf ausdrückliche Anweisung des Chefermittlers. Die verblüffende Begründung: Es gehe nicht darum, sämtliches Material zu beschlagnahmen, sondern gezielte Unterlagen. Der leitende Oberstaatsanwalt sei wohl überfordert, mutmaßen hohe Justizkreise und regen an, ihm das Verfahren abzunehmen. Eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft könne den Fall Envio übernehmen, mit Unterstützung des Landeskriminalamtes.

Die kritisierte Behörde gibt sich kleinlaut, räumt fehlendes Material ein. Man habe noch „Nachforderungen an Envio“. Es gebe „das Eine oder Andere, was wir noch benötigen“. Wie wahrscheinlich es ist, dass das gesuchte Material vier Monate später noch da ist, dazu fällt kein Wort. Die Politik ist entsetzt. Die Landesregierung soll darlegen, ob die Envio-Ermittlungen an die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Bochum abzugeben seien, fordert der Rat der Stadt Dortmund. Die Bochumer Fahnder haben sich 2008 empfohlen, durch die Steuer-Razzia in der Villa von Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel.

Der Ruf nach neuen Fahndern ist noch nicht verhallt, da folgt die nächste Peinlichkeit. Die WAZ Mediengruppe enthüllt dubiose PCB-Lieferungen aus Kasachstan nach Dortmund. Über kriminelle Kreise sind hunderte von Tonnen verseuchten Materials aus Zentralasien zu Envio gelangt. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft weiß von nichts, hat „keine Erkenntnisse über Lieferungen aus Kasachstan“.

So unter Druck, wirkt die zwei Razzia bei Envio wie eine Gegenoffensive. Fast fünf Monate nach der ersten Durchsuchung tauchen die Ermittler wieder auf dem Firmengelände auf, diesmal mit der Steuerfahndung im Schlepptau. „Wir haben noch einige Beweismittel gesucht“, heißt es. Und: „Wir wissen jetzt genau, was wir wollen.“ Doch die Geduld der Landesjustiz scheint erschöpft. Die Generalstaatsanwaltschaft Hamm fordert die Envio-Akten an, prüft sie „unter fachaufsichtlichen Gesichtspunkten“ und entscheidet: Der Fall bleibt in Dortmund.

Zwei Tage nach Razzia Nummer zwei erhöht ein Hinweis den Druck auf die Fahnder. Unmittelbar vor dem erneuten Zugriff sollen Akten vom Envio-Gelände verschwunden sein. Augenzeugen berichten, schwere Kisten seien aus der Firmenzentrale geschleppt worden. Von einer „Aktenentsorgung“, die auf einen heißen Tipp aus Ermittlerkreisen zurückgehe, ist die Rede. „Sind wir in Sizilien?“, fragt der Chef einer benachbarten Firma. Die Staatsanwaltschaft hat „nicht den Hauch eines Hinweises dafür“, dass sich Akten in den weggeschleppten Kisten befunden hätten.

Sie hat auch keinen Hinweis darauf, dass der Tod eines 57-jährigen Dortmunders mit PCB zusammenhängt. Der Mann, der jahrelang in der verseuchten Halle 55 gearbeitet hat, bricht Ende Januar 2011 an seinem neuen Arbeitsplatz in Bochum zusammen und stirbt. Der Tote zählt zu den massiv belasteten Envio-Opfern. Monatelang wartet die Öffentlichkeit auf ein Ergebnis der Obduktionen. Der vorerst letzte Befund tendiert zum „plötzlichen Herztod“. Weil niemand weiß, wie PCB im Körper wirkt, bleiben Restzweifel.

Ende Juni 2011 gerät die Staatsanwaltschaft erneut in die Kritik. Sie stellt die Ermittlungen gegen die Bezirksregierung Arnsberg ein, gegen die vier Strafanzeigen vorlagen. Die Begründung: Mitarbeiter der Überwachungsbehörde hätten nichts von den illegalen Betriebsabläufen bei Envio gewusst, „eine strafrechtliche Verantwortung“ habe sich „nicht ergeben“. Das Prognos-Gutachten belege das Gegenteil, sagen Kritiker. Und: „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.“