Ein Fressen für die Forschung
Thomas Kraus leitet das Betreuungsprogramm für die Envio-Opfer.
„After the coffee break: PCB case Dortmund“. Das Hinweisschild war eigentlich überflüssig. Die meisten Teilnehmer des EnTox Symposiums Dortmund 2011, das die Crème der NRW-Umweltforschung versammelte, brachten ihren Kaffee gleich mit in den Saal, um bloß einen guten Platz zu ergattern. Für diesen Programmpunkt waren sie schließlich gekommen – um Neues über den Fall Envio zu erfahren, diese unglaubliche PCB-Geschichte aus Dortmund, die der Wissenschaft völlig neue Perspektiven eröffnet.
Schließlich gab es dieses Gift nicht mehr, nur noch in Nachschlagewerken. Darin steht, PCB wurde 2001 weltweit verboten. Und jetzt, zehn Jahre später, dieser Skandal. „Das ist für alle Kollegen eine große Überraschung“, sagt Prof. Dr. Thomas Kraus, Leiter des Betreuungsprogramms für die Envio-Opfer. Auch seine Medizinstudenten sind hellhörig geworden. „Niemand hat damit gerechnet, dass so etwas in Deutschland vorkommen kann.“ Und jetzt erleben sie in den Hörsälen eine Sternstunde: die Wiederauferstehung eines totgesagten Giftes – PCB.
Der Fall Envio öffnet der Umwelt- und Arbeitsmedizin eine Tür, die für immer verschlossen schien: die Forschungstür. Plötzlich werden Antworten greifbar, wo Fragen für immer und ewig offen zu bleiben drohten. Wie wirkt PCB auf den menschlichen Organismus? Wie schnell bauen sich Giftkonzentrationen ab? Die aufgeregte Stimmung bei diesem Fachkongress schaffte es bis in die Pressemitteilung des gastgebenden Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der Technischen Universität Dortmund. „Highlights waren die überraschend langen Halbwertszeiten der niedrig chlorierten PCBs, erhöhte PCB-Werte bei Familienmitgliedern der Exponierten und die Situation der Beschäftigten in den umliegenden Betrieben“, heißt es da. Für Wissenschaftler, die bisweilen eine gewisse Sprödigkeit verbreiten, sind solche Tonlagen fast schon ein Hype.
In diesem Sinne waren die Stars des EnTox Symposiums vier PCB-Experten: Thomas Kraus und Thomas Schettgen vom Uniklinikum Aachen, Jürgen Wittsiepe von der Ruhr-Uni Bochum und Knut Rauchfuss vom Landesumweltamt. Sie brachten spektakuläre Nachrichten mit. Bislang heißt es in der Fachliteratur, niedrig chlorierte PCB-Gemische (PCB 28, PCB 52, PCB 101) würden sich schneller im Körper abbauen als hoch chlorierte (PCB 138, PCB 153, PCB 180). Für viele der extrem belasteten Envio-Arbeiter wäre das eine Art Strohhalm, an dem sie sich festhalten könnten. Denn der Maximalwert einer 25 000-fachen Verseuchung betrifft das niedrig chlorierte PCB 28. Doch die neuesten Untersuchungsergebnisse schmettern nieder.
Denn offenbar bauen sich auch die niedrig chlorierten PCB-Arten kaum im Organismus ab, jedenfalls erheblich langsamer als vermutet. Das ist schlecht für die vergifteten Envio-Opfer, aber es ist eine neue Erkenntnis, und als solche gut für die Wissenschaft. So stellte Kraus das Betreuungsprogramm für die PCB-Opfer vor, Schettgen präsentierte die Blutwerte von Envio-Arbeitern, ihren Familien und Beschäftigten umliegender Firmen, Wittsiepe beleuchtete die hohen Dioxin-Werte, Rauchfuss referierte über die Ableitung eines gesundheitsbezogenen Richtwertes für PCB in Blutproben – und das Fachpublikum staunte und lernte.
Um belastbare Lehren aus dem Giftskandal gehe es jetzt, sagt Kraus. Eben darum, „wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, die man veröffentlichen kann, gute Ergebnisse, die kritischen Diskussionen standhalten“. Das solle sein Beitrag zum Fall Envio sein, „damit Betriebärzte, Arbeitsschützer und vielleicht auch Gesetzgeber sensibler und wachsamer werden, und damit so was künftig nicht mehr so leicht passieren kann“.