Giftiger Kampf um die Existenz

Wenn man wie ABP auf demselben Grundstück produziert, lässt sich das Envio-PCB nicht einzäunen. Erst recht nicht, wenn die Zäune kippen.

Zu den Opfern des Envio-Skandals zählt eine Firma, die auf ein sauberes Envio-Gelände angewiesen ist, weil sie dort produziert. Diese Firma wird von der Stadt Dortmund und der Bezirksregierung Arnsberg seit Monaten im Stich gelassen. In der Folge sind 800 Arbeitsplätze in Gefahr.

Wie Envio, entstand auch ABP aus der Abspaltung einer Sparte des ABB-Konzerns. Der Ableger baut Induktionsöfen für die Metallindustrie. Ein grundsolides Unternehmen. Die Geschäfte laufen gut. ABP ist international aufgestellt. Produktionsstätte ist das Gelände an der Kanalstraße 25 in Dortmund, das Management der weltweit zwölf ABP-Filialen sitzt in Chicago im US-Bundesstaat Illinois.

Die Hallen, in denen ABP fertigt, sind von Envio gemietet. Dieser Umstand gefährdet die Arbeitsplätze von 200 ABP-Mitarbeitern und die von 600 Zulieferern, die ausschließlich für ABP tätig sind. Das Protokoll einer unglaublichen Geschichte, die als Nachbarschaftsstreit begann und zu einem Kampf um die körperliche Unversehrtheit einer ganzen Firmenbelegschaft wurde. Zu den Gegnern in diesem Kampf zählen neben der Giftfirma Envio auch die Stadt Dortmund und die Bezirksregierung Arnsberg.

Hallen und Freiflächen, die für ABP überlebenswichtig sind, waren durch Envio verseucht. ABP-Geschäftsführer Wolfgang Andree wies schon unmittelbar nach der Stilllegung der Giftfirma im Mai 2010 darauf hin, dass es seine Firma auch noch gäbe. Und dass am Envio-Gelände die Existenz des Unternehmens hängt. Eine Verlagerung würde das Management in den USA nicht akzeptieren, aus Kostengründen. Die Produktion würde unweigerlich nach Asien verlagert. Für ABP in Dortmund heißt das: entweder am Standort überleben oder sterben.

Unappetitlich wurde es im August 2010. Da stellte sich heraus: Die Firmenkantine von ABP ist mit PCB verseucht. Rund 300 Besucher, die wöchentlich dort gefrühstückt und zu Mittag gegessen hatten, fragten sich, wie gesund die Mahlzeiten wohl gewesen waren. Neben den 200 ABP-Mitarbeitern schätzten auch Beschäftigte der Firmen Gimatec, Kolk und Envio das Speisenangebot. Selbst Envio-Chef Dr. Dirk Neupert und sein Anwalt kehrten in der Kantine ein. Übel wurde es vielen, als im Hausstaub des Lokals PCB-Konzentrationen gemessen wurden, die vierfach über dem Grenzwert für die Giftmüllentsorgung lagen. Die PCB-Werte in der Raumluft lagen dreifach über der kritischen Grenze.

ABP hatte sich im Zuge einer Rundumbeprobung der Betriebsgebäude im Juni auf die Bezirksregierung in Arnsberg verlassen, die den Gutachter bestellt hatte. Der hatte die Kantine für nicht untersuchungswürdig gehalten. „Damals hieß es, dort werde ja täglich gewischt.“ Die Bezirksregierung Arnsberg bestätigt das. „Im ersten Anlauf haben wir die Kantine nicht unter die Lupe genommen“, sagt ein Sprecher. „Man konnte nicht davon ausgehen, dass sich in einem solchen Raum PCB befindet, da dort nicht mit diesem Material gearbeitet wird.“ Als die bedrückenden Giftwerte per Gutachten erwiesen waren, wurde die Kantine sofort geschlossen. „Wir werden der Sache sehr präzise nachgehen“, versprach der Sprecher in Arnsberg.

Geschehen ist ein Jahr später: nichts. Warm essen könne die ABP-Arbeiter nicht mehr. Die nächste Kantine ist weit weg. Die Mittagspause wäre durch Hin- und Rückweg aufgezehrt. Also bringen sie mehr Brote mit und stärken sich auf dem Gelände. Dumm nur, dass sie dabei im Giftstaub stehen. Doch dazu später.

Im Mietvertrag mit Envio steht nicht, dass Geld für eine verseuchte Kantine zu zahlen ist. Also kürzte ABP der Giftfirma die Miete – und begann dann damit, den Job der Überwachungsbehörde zu machen. Auf eigene Kosten ließ ABP das 4000 Quadratmeter große Firmengelände erneut untersuchen, jedes Büro, jede Toilette, jeden Aufenthaltsraum. Aus Boden, Luft und Staub wurden 100 Proben gezogen.

Envio wollte Geld sehen, schlug zurück, kündigte ABP fristlos und drohte damit, den Strom abzudrehen, sofern die gekürzte Miete nicht sofort nachgezahlt werde. Bei ABP drohten buchstäblich die Lichter auszugehen. Die Firmenspitze funkte S.O.S. und wurde scheinbar gehört. Die Stadt Dortmund tauchte auf. Udo Mager, Chef der Wirtschaftsförderung, erschien in Retterpose. „Das lassen wir nicht zu“, versprach er und garantierte für den Ernstfall eine städtische Notstromversorgung. ABP habe nichts zu befürchten. Man brauche solche Firmen am Standort. Die Stadt lasse das Unternehmen nicht im Stich, „verlassen sie sich darauf“. Soweit Mager vor der Presse. Doch danach geschah: nichts.

Die Lage eskalierte. Tatsächlich fiel bei ABP einige Male plötzlich der Strom aus. Kein Ersatzaggregat sprang an. „Ein Tag Produktionsausfall kostet uns 100 000 Euro“, sagte Andree. So erzwang Envio Rückzahlungen. Ein zäher Rechtsstreit zwischen Mieter und Vermieter begann, ein Hickhack um mutmaßlich falsche Nebenkostenabrechnungen, Vorauszahlungen und Rückerstattungen. Als das Dortmunder Amtsgericht dem Envio-Untermieter das Recht auf Energieversorgung zusprach, beklagte ABP bereits einen Schaden in mittlerer sechsstelliger Höhe.

Im Januar 2011 tauchte Wirtschaftsförderer Mager wieder auf. Erneut war die Presse da. „Das PCB-Zelt von Envio ist jetzt abgebaut“, freute er sich. „Davon geht keine Gefahr mehr aus.“ ABP könne ihm nach wie vor vertrauen. Er kämpfe um den Erhalt der Firma. Es sehe gut aus, denn die habe ihre „schwierige Vertragssituation mit Envio jetzt besser geordnet“. Gleich darauf meldete sich Regierungspräsident Gerd Bollermann (SPD) zur Wort. Auf dem Envio-Gelände gehe „Sicherheit vor Schnelligkeit“. Der Schutz der Nachbarschaft stehe ganz oben an. Die Sanierung des verseuchten Geländes dürfe „keine unendliche Geschichte werden“, schon im Interesse der Anlieger. Als er davon las, schüttelte ABP-Chef Andree nur mit dem Kopf.

Denn auf dem Envio-Gelände ist nichts sicher. Im Gegenteil: 200 ABP-Mitarbeiter und 600 Zulieferer schweben in großer Gefahr. Die geht von Halle 55 aus, die zur Hälfte mit Giftmüll gefüllt ist, in deren anderer Hälfte ABP produziert. Ein Schutzvorhang aus Kunststoff trennt den verseuchten vom sauberen Bereich. Das Problem: Der Vorhang schützt nicht. Am 28. Mai 2011 funkte ABP wieder S.O.S., diesmal an die Abteilung für Arbeitsschutz bei der Bezirksregierung in Arnsberg. Bei einer Begehung war aufgefallen, „dass wiederum der Durchgang in der Plane zur Südseite Halle 55 geöffnet ist“, lautete die alarmierende Nachricht. „Der Versuch, hier dicht zu machen mittels des Klebestreifens, war auf Grund des herrschenden starken Windzuges in den Hallen nicht möglich.“

Offenbar war höchste Gefahr in Verzug. „Die Kollegen der Mittagschicht“ hätten „wieder Personen“ in die bis unters Dach mit Giftmüll gefüllte Halle gehen sehen. Das darf auf keinen Fall sein. Die Bezirksregierung Arnsberg hätte die verseuchte Halle 55 hermetisch abriegeln und versiegeln müssen. Stattdessen war „die Plane nicht verschlossen und die gesamte Nacht über konnte die Luft ungehindert aus dem kontaminierten Bereich einströmen“, berichtete ABP. Äußerst besorgt um die Sicherheit ihrer Leute, ließ die Geschäftsführung die Giftschleuse mit Nylonbindern provisorisch verschließen. „Trotzdem ist eine hohe Zugluft und starker Luftaustausch zwischen Süd- und Nordseite nicht zu verhindern. Ein Grund dafür ist unter anderem das an allen Ecken und Kanten geöffnete Tor der Südseite. Vor der Öffnung in der Folie ist eine deutliche Verschlechterung der Luftqualität festzustellen. Der Geruch von Öl und chemischen Substanzen ist durchdringend und verursacht Kopfschmerzen. Wir machen Sie als Vertreter der Bezirksregierung hiermit auf diesen Mangel aufmerksam und bitten Sie, uns beim Schutz der Gesundheit unserer Mitarbeiter, so wie von Ihnen zugesagt, aktiv zu unterstützen.“

Statt die Lage unverzüglich zu überprüfen und zu entschärfen, sah sich die Überwachungsbehörde bei ihrer Antwort zwei Tage später „aufgrund nicht verschiebbarer Termine heute leider nicht in der Lage, einen Ortstermin wahrzunehmen“. Das schrieb der für den Arbeitsschutz auf dem Gelände zuständige Marc Sellmann.

Als schließlich auch eine Schutzabdeckung auf der Freifläche zerbröselt war und der Wind potenziell PCB-haltige Stäube über das Gelände in Richtung der ABP-Werkstore trieb, vor denen die Arbeiter ihre Brote während der Mittagspause verputzen, da platzte den Firmenmanagern in Chicago der Kragen. „Der Zustand des Geländes bleibt eine Peinlichkeit für die Stadt Dortmund und führt zu Schwierigkeiten für ABP“, beschwerte sich Vorstandschef Paul Decker in einem Brief an den Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau und dessen Wirtschaftsförderer Mager. Decker mahnte die Verantwortung der Stadt für ihr Gelände an. Sie solle endlich die „von Envio zerstörte Kantine“ erneuern und die Sicherheit auf dem gesamten Gelände wieder herstellen. „Dies ist nicht ABP-Land“, schreibt Decker und verweist auf rund eine halbe Million Euro, die ABP aus eigener Tasche in Arbeiten gesteckt hat, die Stadt und Bezirksregierung hätten leisten müssen.

Die Antwort der Stadt: gewohnt freundlich. Man bedauere das alles sehr. „Es ist schwierig zu verstehen, warum die Dinge hier noch nicht in Gang gekommen sind“, schreibt Mager. Er sei „sehr interessiert daran“, ABP einen reibungslosen und angemessenen Betriebsablauf zu ermöglichen. „Seien Sie sicher, dass die Stadt Dortmund alles tun wird, um Ihre Forderungen zu erfüllen“, schließt der Wirtschaftsförderer – „Beste Grüße, Udo Mager.“

Vorbehaltlich eines Engagements, das er bis Mitte Juli nicht erkennen konnte, hält Wolfgang Andree solche Worthülsen für Geschwafel. Er sagt das nicht, weil er ein höflicher Mensch ist. Weil seine 200 Mitarbeiter sich aber für Höflichkeit nichts kaufen können und er sich Sorgen macht um ihre Gesundheit, ruft Andree die gesamte Belegschaft am 15. Juli 2011 erneut zur PCB-Untersuchung. Ein Jahr, nachdem viele ABP-Leute erfahren haben, dass sie unschuldig vergiftet wurden, will er neue Blutwerte sehen, um zu wissen, woran ABP ist auf dem Gelände. Die Firma zieht die Tests alleine durch, ohne Unterstützung der Behörden. Wie gehabt, auf eigene Kosten.

ABP möchte im Dortmunder Hafen bleiben. Die Firma hat angekündigt, weitere 1,5 Millionen Euro in den Standort zu investieren.