Umweltpreis nach Gift-Hinweis

Gerhard Langemeyer, damals Oberbürgermeister, will über die Probleme bei Envio nicht informiert worden sein.

Der Hinweis, der am 11. September 2008 im Dortmunder Umweltamt einging, war unmissverständlich. „Illegale Aktivitäten der Firma Envio, Kanalstraße 25“ stand in der Betreff-Zeile. Es folgte eine konkrete Beschreibung der Gefahren, die Menschen und Umwelt im Dortmunder Norden drohten. Der Informant: offenbar ein Insider. Auf zwei DIN A4-Seiten schilderte er das fahrlässige und vorsätzliche Treiben hinter dem Envio-Werkstor bis ins kleinste Detail, benannte konkrete Verstöße gegen Auflagen und Genehmigungen, wies auf die Gesundheitsgefahren für Mitarbeiter hin. Kenntnisreich listete er skandalöse Vorgänge auf: Die Anlieferung großer Mengen höchst verseuchter Bindemittel-Transformatoren aus dem Giftmülllager der K+S Entsorgung GmbH. Die illegale Zwischenlagerung in ungeschützten Bereichen. Die zur PCB-Reinigung ungeeignete Envio-Anlagentechnik. Die fahrlässige Gefährdung der Mitarbeiter. Die unsachgemäße Bearbeitung von PCB. Die Risiken für die Umwelt. Die ungenügende Reinigung verseuchten Materials. Den Weiterverkauf gifthaltiger Ware an ahnungslose Abnehmer.

Das brisante Schreiben landete auf dem Tisch von Heinrich Bornkessel, Gruppenleiter Immissionsschutz im Umweltamt. Es hätte mindestens Umweltamtsleiter Wilhelm Grote (Grüne), Umweltdezernent Wilhelm Steitz (Grüne) oder den damaligen Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer (SPD) erreichen sollen. Doch von denen will keiner darüber informiert gewesen sein. „Das ist seinerzeit nicht hochgemeldet worden“, sagte Langemeyer der WAZ Mediengruppe auf Anfrage. Meldeketten, wie sie sonst bei deutlich unspektakuläreren Fällen innerhalb der Verwaltung üblich sind, hätten demnach nicht gegriffen. Bornkessel leitete den Hinweis per E-Mail weiter an die Bezirksregierung in Arnsberg und heftete den Vorgang ab.

Bei dieser Art von Krisenmanagement beruft sich die Stadt auf das so genannte Zaunprinzip. Dies ist eine Verordnung des NRW-Umweltministeriums, die Zuständigkeiten regelt. Die Vorschrift heißt Zaunprinzip, weil sie einen virtuellen Zaun um große Betriebe mit Umweltrisiken zieht, innerhalb dessen die jeweilige Bezirksregierung über die Anlage wacht. Dieser Zuständigkeitszaun erschien der Stadt beim Hinweis auf den PCB-Skandal so hoch und so dicht, dass sie sich – formal statthaft, und bequem zugleich – dahinter versteckte. Sie blickte allein auf ihren Verantwortungsbereich: die Abfallentsorgung, die Abwasserbeseitigung und den Bodenschutz auf dem Gelände. Dass Envio-Gifte die Menschen und die Umwelt auch jenseits der Firmengrenze verseuchen könnten, auf diese Idee kam die Stadt nicht.

15 Monate nach Eingang des Gift-Hinweises sprang die Dortmunder Stadtspitze leicht und locker über den Envio-Zaun, mit einer schmucken Urkunde in der Hand. Anlässlich der Ehrung der Dortmunder Ökoprofit-Betriebe 2008/2009 zeichnete die Stadt ihre Musterfirmen, darunter den PCB-Entsorger, für nachhaltiges Wirtschaften aus. Sie „halten alle umweltrechtlichen Vorgaben ein und engagieren sich auch in Zukunft aktiv für den betrieblichen Umweltschutz“, steht auf der Urkunde, die den Namen des Dortmunder Oberbürgermeisters Ullrich Sierau (SPD) trägt. Der bescheinigt den Preisträgern: Sie „motivieren ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den betrieblichen Umweltschutz und beteiligen sie an dessen Verbesserung“. Das alles sei „von einer unabhängigen Prüfungskommission geprüft“ worden.

Solche Lobeshymnen auf Envio gab es einige. Die Stadt war stolz auf diese Firma, feierte sie als eines der technischen Aushängeschilder der Westfalenmetropole. Seht her, so geht Strukturwandel: früher war Dreck, heute ist High Tech. Auch dank Envio, dieser Perle im Dortmunder Hafen. In dem städtischen Image-Magazin „tremonia nova“ wird die Skandalfirma als Vorbild inszeniert. „Recycling à la Envio: Waschen – Schneiden – (Zer-)Legen“ heißt die trendgeföhnte Überschrift im März 2008. Und da sich der Autor die PCB-Entsorgung so ähnlich vorstellt wie einen Friseurbesuch, lässt er sich von Envio-Chef Dr. Dirk Neupert barbieren. „Details des Prozesses dürfen wir nicht besichtigen und schon gar nicht fotografieren“, schreibt er in seinem Envio-Werbetext. „Höchste Geheimhaltungsstufe.“

Ebenfalls 2008 bändelte die Dortmunder Wirtschaftsförderung mit dem PCB-Entsorger an. Sie beteiligte die Giftfirma an einem mit EU-Geldern finanzierten Projekt. Zielsetzung der sogenannten Urban II-Initiative: „die Qualifizierung des Personals und die betrieblichen Abläufe zu verbessern“ bei Envio. Offensichtlich lief die Zusammenarbeit wie am Schnürchen, denn hinterher waren alle zufrieden: Wirtschaftsförderungschef Udo Mager, sein Projektleiter Hubert Nagusch und auch Envio-Boss Neupert lobten ihre Kooperation in hohen Tönen. Jeder habe vom Anderen profitiert.

Als sich die Anzeichen für die illegale Giftentsorgung auf dem Envio-Gelände mehrten, zog sich die Stadt wieder zurück – hinter den Zaun. Am 14. Januar 2010 meldete ein ehemaliger ABB-Mann, „dass in Halle 55 Trafos bei geöffneten Toren demontiert wurden“. Auch diesen Hinweis bearbeitete Heinrich Bornkessel vom Umweltamt. Er notierte, dem Informanten sei „einiges auch unter Arbeitsschutzbedingungen nicht sauber vorgekommen“. Statt direkt tätig zu werden und sich die Vorgänge im Hafen aus der Nähe anzuschauen, gab Bornkessel auch diesen Tipp in die Post nach Arnsberg. Ebenso wie einen Hinweis, der die Stadt zwei Wochen später erreichte. „Immer wenn die Aufsichtsbehörde einen Besuch angekündigt hat, wurde ein Großreinemachen durchgeführt“, gab da ein Envio-Mitarbeiter zu Protokoll. Was die Giftfirma ihren Gästen bei offiziellen Anlässen zeige, „entspreche jedoch nicht dem Normalbetrieb“.

„In Ermangelung eines Krisenmanagements fehlte ein Krisengefühl“, stellen die Gutachter der Prognos AG in ihrer Bilanz des Envio-Skandals fest. Auch die Stadt Dortmund habe „ihren Teil zu dem bekannten Ergebnis beigetragen“.

Beim Neujahrsempfang am 17. Januar 2011 im Dortmunder Konzerthaus sagte Oberbürgermeister Sierau: „Es ist nicht gut, dass ein Unternehmen wie Envio mit krimineller Energie die Gesundheit seiner Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Nachbarn aufs Spiel setzt und dem Standort Hafen und dem Ruf unserer Stadt schadet.“

Bis Ende Juni 2011 hatte die Stadt rund 115 000 Euro in die Beseitigung der Folgen des Envio-Skandals gesteckt. Weitere Kosten sind wahrscheinlich. Ob die Stadt jemals Geld von Envio zurückbekommen wird, ist fraglich. Die Zukunft des verseuchten Firmengeländes im Dortmunder Hafen ist offen. Wann es saniert sein wird, ob die Stadt es wieder komplett vermarkten kann, alles ungewiss.