Vize-Präsident vergiftet: Envio droht auch in Korea das Aus
Ganzkörperschutzanzüge gehören bei Envio Korea nicht zur Grundausstattung. Die Beschäftigten tragen nur leichte Overalls.
Ein Jahr nach dem Aus für den Dortmunder PCB-Entsorger Envio wackelt auch das zweite Standbein des Konzerns in Südkorea. Weil ein offenbar PCB-verseuchter Transformator im Freien zerlegt wurde, wollen die Behörden das Envio-Werk in der Region Jeonju schließen. Es wäre ein schwerer Schlag für die börsennotierte Aktiengesellschaft. Die Giftfirma klagt dagegen.
Doch während Envio noch versucht, den Skandal mit juristischen Mitteln zu verhindern, sind die Menschen schon betroffen. Sogar den Vize-Präsidenten von Envio Korea, Baek Gil-Haeng, hat es erwischt. Er ist mit PCB verseucht. Die Gift-Menge in seinem Blut liegt fünffach über dem Grenzwert.
„More than the best, better than the most“ – mehr als das Beste, besser als die meisten. Mit diesem Slogan und vermeintlich lukrativen Großaufträgen wirbt die Envio Recycling GmbH im Internet für ihre koreanische Tochtergesellschaft. Doch die Wirklichkeit im fernen Südostasien sieht anders aus.
Jemand hatte beobachtet, wie auf dem Envio-Gelände ein Großtransformator zerlegt wurde – unter freiem Himmel, im Dunkeln, ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen. Das regionale Umweltamt legte den Betrieb still.
Am 26. März klingelte bei der zuständigen Bezirksregierung Jeonju das Telefon. Der Anrufer erstattete Anzeige. Er hatte beobachtet, wie auf dem Envio-Gelände ein Großtransformator zerlegt wurde – unter freiem Himmel, im Dunkeln, ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen. Er habe gesehen, wie das Isolieröl ausgelaufen sei, sagte der Augenzeuge. Solche Isolieröle von Transformatoren enthalten das krebserregende Gift PCB.
Das regionale Umweltamt reagierte sofort und ordnete eine dreimonatige Betriebsstilllegung an. Zudem verhängte die Behörde eine Geldstrafe von umgerechnet rund 10 000 Euro. Envio legte Widerspruch ein. Der Prozess läuft noch.
Tatsächlich aber arbeitete Envio in Korea mit den gleichen unsachgemäßen Methoden, die schon zum Skandal im 8500 Kilometer entfernten Dortmund an der Ruhr gesorgt haben. Zum Leidwesen der Beschäftigten. Statt der vorgeschriebenen Gasmasken tragen die Arbeiter im Werk Jeonju einfache Staubmasken, wie sie in jedem Baumarkt zu haben sind. „Die nützen vielleicht bei Asbest und anderen Staubpartikeln“, sagt Michael Müller, PCB-Berater der Vereinten Nationen. „Doch bei PCB sind sie wirkungslos und deshalb für die Arbeiter höchst gefährlich.“
Auch die bei der PCB-Entsorgung obligaten Ganzkörperschutzanzüge gehören bei Envio Korea nicht zur Grundausstattung. Während des Gifteinsatzes tragen die Beschäftigten in Jeonju leichte Overalls. Halb heruntergezogene Reißverschlüsse geben den Blick auf Oberkörper frei, die nur von T-Shirts bedeckt sind. Auf vergleichbare Arbeitsbedingungen werden europaweit beispiellose Vergiftungen zurückgeführt: In Dortmund lagen die PCB-Werte im Blut von Envio-Arbeitern in der Spitze um mehr als das 25 000-fache über dem Durchschnitt.
Sogar der Vizepräsident von Envio Korea, Baek Gil-Haeng, ist verseucht.
Schlips und Kragen trägt dagegen Baek Gil-Haeng. Der Vize-Präsident von Envio Korea sitzt eben meist im Büro. Dass er dennoch fünffach mit PCB verseucht ist, verdeutlicht die Risiken in dem Betrieb. „Wir könnten natürlich bessere Masken und bessere Klimaanlagen benutzen oder in etwas besser isolierten Räumen arbeiten und mehr Schutzkleidung tragen“, sagt Na Yoon-Tae, Präsident von Envio Korea. „Das würde aber viel Geld kosten.“
Trügen seine Leute eine bessere Schutzausrüstung, dann hätte dies einen weiteren Nachteil: „Dann können wir nicht lange arbeiten“, sagt Na Yoon-Tae. Schon unter der Staubmaske sei es „sehr stickig“. Mit effizienterem Schutz „müssten die Arbeiter jede Stunde rotieren, sonst könnten sie nicht arbeiten“, sagt Na Yoon-Tae. Seine Leute seien „flexibel“, denn: „Bei nicht so kritischen Orten verzichten sie auch mal auf die Masken.“