„Der bundesweit größte PCB-Skandal der letzten Jahrzehnte.“ Johannes Remmel (Grüne), NRW-Umweltminister

2. Mai 1961: Grundstück vermietet

Der Konzern BBC und die Stadt Dortmund schließen einen Mietvertrag über ein Grundstück an der Kanalstraße 25 im Dortmunder Hafen. Für die 67 285 Quadratmeter große Fläche wird Erbbaurecht bis 31.12.2000 vereinbart.

16. Dezember 1985: PCB-Anlage genehmigt

Die PCB-Bearbeitung beginnt. Der Regierungspräsident Arnsberg billigt eine Anlage zur Vorbehandlung und Zwischenlagerung PCB-haltiger Abfälle. Die Entleerung und die Reinigung verseuchter Transformatoren und Kondensatoren laufen an.

28. Januar 1993: Neue Gesetzesregelung

Der Betrieb wird aus dem Abfallrecht entlassen und dem neuen Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) unterstellt. Das erlaubt die physikalisch-chemische Behandlung von gefährlichen Abfällen, die Lagerung gefährlicher Abfälle und die Aufarbeitung von organischen Lösungsmitteln.

12. Dezember 1994: Verwertung zugelassen

Jetzt wird das Entsorgungsgeschäft lukrativ. Der Weg für die Verwertung PCB-haltigen Abfalls ist frei. Die Bezirksregierung Arnsberg genehmigt die Annahme von Reststoffen.

1. Januar 2001: Mietvertrag verlängert

Die Stadt Dortmund verlängert den Mietvertrag für das Firmengrundstück im Hafen mit der ABB Grundbesitz GmbH bis zum 31.12.2010.

1. März 2004: Envio übernimmt

ABB stößt seine Entsorgungssparte ab. Envio, drei Monate zuvor von Ex-ABB-Manager Dirk Neupert gegründet, übernimmt das Geschäft und die Betriebsteile, darunter die PCB-Behandlungsanlage.

November 2004: Die Giftmülllawine

Aus einer unterirdischen Giftmülldeponie macht Envio eine Kupfermine. Die Firma holt extrem verseuchte Trafos aus der Untertagedeponie (UTD) Herfa-Neurode. Bis 2010 werden 14 000 Tonnen durch eine für die Reinigung ungeeignete Anlage gejagt. Envio verkauft den vermeintlich sauberen Rohstoff Kupfer zu Höchstpreisen und scheffelt Millionen. Die Arbeiter stehen ungeschützt im PCB-Staub, atmen das Gift ein und werden krank. Drei Jahre lang läuft die UTD-Anlage illegal. Die Überwachungsbehörde kümmert das nicht.

2006: PCB-Alarm

Bei Feinstaubmessungen im Dortmunder Norden fallen hohe PCB-Werte auf. Die Behörden vermuten den oder die Verursacher im Hafen. Dort arbeitet die Firma Envio mit dem krebserregenden Gift.

2008: PCB in Gärten

Drei Kleingartenanlagen am Dortmunder Hafenrand sind mit PCB belastet. Das Landesumweltamt rät den Gärtnern: Blattsalate, Mangold, Zucchini und Grünkohl nicht anbauen, nicht essen. Der Verursacher wird nicht gefunden.

11. September 2008: Konkreter Hinweis

Das Dortmunder Umweltamt und die Westfälische Rundschau erhalten einen detaillierten Hinweis auf die illegale PCB-Verarbeitung bei Envio. Der anonyme Informant schildert kenntnisreich, wie Menschen und Umwelt gefährdet werden. Die Schreiben werden an die Bezirksregierung Arnsberg weitergeleitet. Die heftet den Vorgang ab.

22. September 2008: Illegaler Betrieb

Bei einer vorher angemeldeten Envio-Betriebsbesichtigung sieht die Bezirksregierung, dass wesentliche Teile der PCB-Anlage nicht genehmigt sind und illegal laufen. Konsequenzen: keine. Envio darf weitermachen.

Mitte Januar 2010: Erneuter Hinweis

Ein ehemaliger Envio-Leiharbeiter sagt, Envio zerlege PCB-verseuchte Trafos bei geöffneten Werkstoren. Stäube und Dämpfe würden in die Umwelt gelangen. Envio-Chef Dirk Neupert dementiert.

28. April 2010: Gift im Zelt

Die Bezirksregierung untersucht den Staub in einem Zelt auf dem Envio-Gelände. Er ist hochgradig mit PCB verseucht. Auch das Blut von zwei Envio-Mitarbeitern enthält hohe Mengen des Giftes.

6. Mai 2010: Teilstilllegung

Die Bezirksregierung Arnsberg findet einen PCB-verseuchten Transformator im „weißen Bereich“ des Envio-Geländes. Dort darf nur sauberes Material stehen. Die Behörde legt den Betriebsteil still.

12. Mai 2010: Betrugsvorwurf

Die WAZ Mediengruppe berichtet von schweren Vorwürfen eines Ex-Produktionsleiters von Envio. Die Firma habe PCB-Trafos im Freien zerlegt, das Gift sei unkontrolliert entwichen. Envio habe Messgeräte manipuliert und Kunden betrogen: Verseuchtes Material sei als gereinigt verkauft worden. Die Staatsanwaltschaft sieht „einen Anfangsverdacht“ auf eine Straftat und nimmt Ermittlungen auf.

17. Mai 2010: Täuschen und Tarnen

Interne Envio-Protokolle, die der WAZ Mediengruppe vorliegen, belegen systematische und bewusste Verstöße gegen Auflagen und Vorschriften. Gravierende technische Mängel wurden vertuscht, Firmen und Behörden getäuscht.

19. Mai 2010: Razzia

Fünfeinhalb Stunden lang durchsucht die Staatsanwaltschaft Dortmund das Envio-Gelände, beschlagnahmt Material.

20. Mai 2010: Envio dicht

Untersuchungsergebnisse zeigen: Das gesamte Envio-Gelände ist hochgradig mit PCB verseucht. Das Gift steckt in den Hallen und im Freigelände. Die Belastungen liegen bis zum Tausendfachen über den Grenzwerten. Die Bezirksregierung macht Envio dicht.

7. Juni 2010: „Vereinzelte Fehler“

Envio meldet sich zu Wort. „Vereinzelte Fehler in den betrieblichen Abläufen“ seien die Ursache für die PCB-Verseuchungen. „Von kriminellen Motiven getrieben“ sei man nicht. Die Mitarbeiter seien „regelmäßig arbeitsmedizinisch auf PCB untersucht worden“.

24. Juni 2010: Weltweite Giftspur

Recherchen der WAZ Mediengruppe enthüllen: Envio hat Giftmüll weltweit verstreut. Seit 2006 wurden 48 Abnehmer beliefert – in Deutschland, Europa, Asien.

26. Juni 2010: 25 000-fach verseucht

Extreme Giftmengen im Blut entsetzen 30 Envio-Mitarbeiter und schockieren die Öffentlichkeit. Die PCB-Belastung der Opfer liegt bis zum 25 500-fachen über dem Bevölkerungsschnitt. Nie zuvor ist soviel PCB bei Menschen in Deutschland gemessen worden.

2. Juli 2010: Giftig statt rein

Der erste Beweis ist da: Envio hat verseuchtes Material als gereinigt deklariert und verkauft. So sind PCB-haltige Bleche bei der Firma RRD im Dortmunder Hafen gelandet.

6. Juli 2010: Vergiftete Nachbarn

Auch Arbeiter von Nachbarfirmen sind vergiftet. Die ersten Blutbefunde weisen bis zu 440-fach erhöhte PCB-Werte aus.

Mitte Juli 2010: Akten unter Verschluss

Akteneinsicht der WAZ Mediengruppe im Fall Envio. Doch in den Unterlagen der Bezirksregierung Arnsberg fehlen 240 Seiten – und damit wichtige Hinweise auf Hintergründe des PCB-Skandals.

28. Juli 2010: Minister vor Ort

Die Landesregierung schaltet sich ein. Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) und Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) lassen ihre Behörden überprüfen. Envio-Opfern soll ein langfristiges medizinisches Untersuchungsprogramm helfen. Ein Runder Tisch soll den Skandal aufarbeiten. Den Vorsitz hat Eberhard Weber, Ex-DGB-Chef in Dortmund.

31. Juli 2010: Envio kündigt

Drei Sätze, sieben Zeilen. So lang ist die Kündigung, die Envio-Mitarbeiter bekommen. Eine Begründung fehlt.

17. August 2010: Teure Sanierung

5 bis 7 Millionen Euro könne die Sanierung des Envio-Geländes kosten, sagt Michael Müller, PCB-Berater der Vereinten Nationen. Die Bezirksregierung rechnet mit 1,5 Millionen.

25. August 2010: 7 Millionen zurückgelegt

Verspätet legt Envio die Jahresbilanz 2009 vor. Darin enthalten: Rückstellungen von über sieben Millionen Euro – „für ungewisse Verbindlichkeiten“, wie es heißt.

1. September 2010: Hilfe für Opfer

Start des medizinischen Betreuungsprogramms. Unter Leitung von Prof. Thomas Kraus untersuchen Ärzte der Uniklinik Aachen im Dortmunder Knappschaftskrankenhaus die ersten 200 PCB-vergifteten Menschen.

24. September 2010: Kasachisches Gift

Envio hat sogar mit Kriminellen aus Kasachstan kooperiert, um an Giftmüll zu kommen. Gelder wurden unterschlagen, kasachische Regierungsmitglieder sitzen deshalb im Gefängnis. Hunderte Tonnen verseuchter Kondensatoren sind bei dem dubiosen Geschäft verschwunden. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft Dortmund wusste nichts von den Transporten.

27. September 2010: Vorwürfe gegen Staatsanwaltschaft

Jetzt kommt heraus: Bei der Durchsuchung der Envio-Geschäftsräume im Mai hat der leitende Oberstaatsanwalt die Polizei daran gehindert, umfassend Material zu beschlagnahmen. „Nur ausgewählte Unterlagen“ wurden mitgenommen. Die über die Envio-Giftgeschäfte mit Kasachstan zählten offenbar nicht dazu. Die Computer und Privatakten der Envio-Chefs auch nicht.

28. September 2010: Gewerbeverbot für Envio

Der Dortmunder Ordnungsdezernent Wilhelm Steitz (Grüne) entzieht der Skandalfirma die Gewerbeerlaubnis. Die Envio Germany Grundstücks GmbH sowie deren Geschäftsführer Dirk Neupert dürfen in Dortmund keine Geschäfte mehr machen.

6. Oktober 2010: Razzia II

Viereinhalb Monate nach der ersten Razzia entert die Staatsanwaltschaft erneut die Envio-Zentrale, außerdem die Privatdomizile der Firmenchefs Neupert und Harks. „Wir haben noch einige Beweismittel gesucht“, sagt eine Sprecherin. Es gehe jetzt auch um Steuerhinterziehung. Wie viele der im Mai liegen gelassenen Dokumente noch vorhanden waren, ist unklar.

8. Oktober 2010: Akten entsorgt?

Envio soll unmittelbar vor der zweiten Razzia der Staatsanwaltschaft heimlich Akten entsorgt haben. Das berichtet ein Augenzeuge. Die Staatsanwaltschaft sieht dafür „keinerlei Anhaltspunkte“.

18. Oktober 2010: Familien vergiftet

Weitaus mehr Familienangehörige als bisher vermutet sind vergiftet. Fast jeder Arbeiter, der bei Envio in der PCB-Entsorgung arbeitete, schleppte das Gift mit nach Hause. „Viele Mütter und Kinder sind belastet“, bestätigt Prof. Thomas Kraus.

26. Oktober 2010: Zahlungsunfähig

Die Envio Recycling GmbH & Co. KG und die Envio Germany Geschäftsführungs GmbH melden Insolvenz an.

29. Oktober 2010: Uhlenberg im Bilde

Ein vertraulicher Bericht der Landesministerien für Umwelt und Arbeit belastet Ex-Umweltminister Eckhard Uhlenberg (CDU). Der verfügte bereits 2008 über alle wichtigen Informationen, um die PCB-Verseuchung im Dortmunder Hafen entdecken und aufklären zu können. Uhlenberg ist mittlerweile Landtagspräsident.

29. November 2010: Warnung ignoriert

Noch ein Versagen der Bezirksregierung kommt heraus: Bereits 2008 hatte die Thüringer Landesumweltverwaltung die PCB-Anlagen von Envio geprüft und als mangelhaft bewertet. Obwohl die Arnsberger Behörde informiert wurde, genehmigte sie weiter Giftmülltransporte aus aller Welt nach Dortmund.

30. November 2010: Hauptversammlung

Die Hauptversammlung der Envio AG beschließt, den Sitz der Firma nach Hamburg zu verlegen. Envio-Aktionäre erhalten eine Sachdividende: Aktien einer neuen Firma, der Bebra Biogas Holding AG. Branchenkenner vermuten, das Kapital der Firma solle verschoben werden, um möglichen Schadensersatzansprüchen zu entgehen.

1. Dezember 2010: Sanierungsstau

Der neue Arnsberger Regierungspräsident Gerd Bollermann (SPD) räumt ein, die Sanierung des Envio-Geländes werde länger dauern als geplant. Und sie werde teurer als erwartet.

10. Dezember 2010: Vergiftete Fische

Ein schlimmer Fang des Landesumweltamtes: Von sieben Fischarten im Dortmunder Hafen sind sechs mit PCB vergiftet. Die Aale enthalten sogar das Seveso-Gift Dioxin und ultratoxische Furane. Der Rat der Behörde: Hafenfisch nicht auf den Tisch.

12. Januar 2011: Behördenversagen

Massive Gesetzesverstöße von Envio und breites Versagen der Behörden haben zum PCB-Skandal geführt. Zu diesem Schluss kommt eine fachaufsichtliche Prüfung der Landesregierung. Mehr Personal und schärfere Vorschriften sollen folgen.

23. Januar 2011: Tod eines Trafo-Monteurs

In Bochum stirbt ein 57-jähriger Trafo-Monteur aus Dortmund, der jahrelang auf dem Envio-Gelände gearbeitet hatte. Er hatte erhöhte Mengen von PCB im Körper. Der Verstorbene sollte im Fall Envio als Zeuge aussagen. Seine Vernehmung stand unmittelbar bevor. Die Todesursache ist unklar. Der Leichnam wird obduziert.

24. Januar 2011: Ombudsmann PCB

Regierungspräsident Gerd Bollermann (SPD) und der Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) stellen den ehemaligen Landtagsabgeordneten Erwin Pfänder (SPD) als „Ombudsmann PCB“ vor. Er soll Bürgerinteressen im Envio-Skandal gegenüber Behörden vertreten.

4. Februar 2011: 8 Millionen aus Berlin

Die Bundesregierung hat acht Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um kasachischen Giftmüll zur Entsorgung nach Dortmund zu bringen. Das geht aus einem internen Vermerk des NRW-Umweltministeriums hervor.

9. Februar 2011: Giftkippe der Multis

WAZ-Recherchen belegen: Börsenlieblinge wie K+S, RWE und EnBW schickten jahrelang zehntausende von Tonnen mit PCB belastetem Material an die Skandalfirma Envio. Und die Bezirksregierung Arnsberg sah zu.

8. April 2011: Gutachter klagen an

Das vom Land in Auftrag gegebene Prognos-Gutachten wird zur Anklageschrift: Die Bezirksregierung Arnsberg unter dem früheren Regierungspräsidenten Helmut Diegel (CDU) verantworte in hohem Maße die Verseuchungen von Menschen und Umwelt. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen – mit dieser Arbeitsweise habe die Behörde die Katastrophe begünstigt. Auch die Stadt Dortmund wird kritisiert. Statt selbst einzugreifen, habe sie Beschwerden nur weitergereicht.

11. April 2011: 360 neue Stellen

Sie habe gelernt aus dem Envio-Skandal, sagt die Landesregierung. 360 neue Stellen, eine bessere Überwachung und strengere Genehmigungsregeln sollen folgen. Das Versagen der Bezirksregierung hat vorerst keine personellen Konsequenzen. Das vorgesetzte Innenministerium sieht „noch keine Hinweise“ auf dienstrechtliche Verfehlungen.

17. Mai 2011: Plötzlicher Herztod?

Die Staatsanwaltschaft führt den Tod des 57-jährigen Trafo-Monteurs auf Herzversagen zurück. Ein Zusammenhang mit der hohen PCB-Belastung des Mannes lasse sich nach eingehenden Untersuchungen nicht belegen. Aber auch nicht ausschließen. Zusammenhänge zwischen PCB und Herzerkrankungen sind bisher nicht bekannt.

19. Mai 2011: Steigende PCB-Werte

Ein Jahr nach dem Envio-Aus steigen die PCB-Werte im Dortmunder Hafen wieder. Regierungspräsident Bollermann macht den Schrottverwerter Interseroh „als Hauptquelle verantwortlich“. Die dafür zuständige Untere Umweltschutzbehörde in Hagen bleibe untätig, kritisiert er.

20. Mai 2011: Bollermann gibt Fehler zu

„Die Bezirksregierung hat Fehler gemacht“, gesteht Bollermann. Hätten die Envio-Überwacher „an einige Stellen eher Stopp“ gesagt, wäre „eine frühere Aufklärung“ des PCB-Skandals möglich gewesen. Personelle Konsequenzen zieht der Behördenchef nicht. Er wartet auf die Staatsanwaltschaft, die gegen Mitarbeiter seines Hauses ermittelt.

17. Juni 2011: Ermittlungen eingestellt

„Mangels hinreichenden Tatverdachts“ stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen die Bezirksregierung Arnsberg ein. Die Behörde habe offenbar nichts von den Envio-Machenschaften gewusst.

24. Juni 2011: Anklage erhoben

Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage im Fall Envio. Vier Personen werden beschuldigt. Die schwersten Vorwürfe richten sich gegen Envio-Chef Dirk Neupert und seinen ehemaligen Betriebsleiter. Ihnen werden 51-fache Körperverletzung und schwere Umweltdelikte vorgehalten.