„Der bundesweit größte PCB-Skandal der letzten Jahrzehnte.“ Johannes Remmel (Grüne), NRW-Umweltminister
Der Konzern BBC und die Stadt Dortmund schließen einen Mietvertrag über ein Grundstück an der Kanalstraße 25 im Dortmunder Hafen. Für die 67 285 Quadratmeter große Fläche wird Erbbaurecht bis 31.12.2000 vereinbart.
Die PCB-Bearbeitung beginnt. Der Regierungspräsident Arnsberg billigt eine Anlage zur Vorbehandlung und Zwischenlagerung PCB-haltiger Abfälle. Die Entleerung und die Reinigung verseuchter Transformatoren und Kondensatoren laufen an.
Der Betrieb wird aus dem Abfallrecht entlassen und dem neuen Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) unterstellt. Das erlaubt die physikalisch-chemische Behandlung von gefährlichen Abfällen, die Lagerung gefährlicher Abfälle und die Aufarbeitung von organischen Lösungsmitteln.
Jetzt wird das Entsorgungsgeschäft lukrativ. Der Weg für die Verwertung PCB-haltigen Abfalls ist frei. Die Bezirksregierung Arnsberg genehmigt die Annahme von Reststoffen.
Die Stadt Dortmund verlängert den Mietvertrag für das Firmengrundstück im Hafen mit der ABB Grundbesitz GmbH bis zum 31.12.2010.
ABB stößt seine Entsorgungssparte ab. Envio, drei Monate zuvor von Ex-ABB-Manager Dirk Neupert gegründet, übernimmt das Geschäft und die Betriebsteile, darunter die PCB-Behandlungsanlage.
Aus einer unterirdischen Giftmülldeponie macht Envio eine Kupfermine. Die Firma holt extrem verseuchte Trafos aus der Untertagedeponie (UTD) Herfa-Neurode. Bis 2010 werden 14 000 Tonnen durch eine für die Reinigung ungeeignete Anlage gejagt. Envio verkauft den vermeintlich sauberen Rohstoff Kupfer zu Höchstpreisen und scheffelt Millionen. Die Arbeiter stehen ungeschützt im PCB-Staub, atmen das Gift ein und werden krank. Drei Jahre lang läuft die UTD-Anlage illegal. Die Überwachungsbehörde kümmert das nicht.
Bei Feinstaubmessungen im Dortmunder Norden fallen hohe PCB-Werte auf. Die Behörden vermuten den oder die Verursacher im Hafen. Dort arbeitet die Firma Envio mit dem krebserregenden Gift.
Drei Kleingartenanlagen am Dortmunder Hafenrand sind mit PCB belastet. Das Landesumweltamt rät den Gärtnern: Blattsalate, Mangold, Zucchini und Grünkohl nicht anbauen, nicht essen. Der Verursacher wird nicht gefunden.
Das Dortmunder Umweltamt und die Westfälische Rundschau erhalten einen detaillierten Hinweis auf die illegale PCB-Verarbeitung bei Envio. Der anonyme Informant schildert kenntnisreich, wie Menschen und Umwelt gefährdet werden. Die Schreiben werden an die Bezirksregierung Arnsberg weitergeleitet. Die heftet den Vorgang ab.
Bei einer vorher angemeldeten Envio-Betriebsbesichtigung sieht die Bezirksregierung, dass wesentliche Teile der PCB-Anlage nicht genehmigt sind und illegal laufen. Konsequenzen: keine. Envio darf weitermachen.
Ein ehemaliger Envio-Leiharbeiter sagt, Envio zerlege PCB-verseuchte Trafos bei geöffneten Werkstoren. Stäube und Dämpfe würden in die Umwelt gelangen. Envio-Chef Dirk Neupert dementiert.
Die Bezirksregierung untersucht den Staub in einem Zelt auf dem Envio-Gelände. Er ist hochgradig mit PCB verseucht. Auch das Blut von zwei Envio-Mitarbeitern enthält hohe Mengen des Giftes.
Die Bezirksregierung Arnsberg findet einen PCB-verseuchten Transformator im „weißen Bereich“ des Envio-Geländes. Dort darf nur sauberes Material stehen. Die Behörde legt den Betriebsteil still.
Die WAZ Mediengruppe berichtet von schweren Vorwürfen eines Ex-Produktionsleiters von Envio. Die Firma habe PCB-Trafos im Freien zerlegt, das Gift sei unkontrolliert entwichen. Envio habe Messgeräte manipuliert und Kunden betrogen: Verseuchtes Material sei als gereinigt verkauft worden. Die Staatsanwaltschaft sieht „einen Anfangsverdacht“ auf eine Straftat und nimmt Ermittlungen auf.
Interne Envio-Protokolle, die der WAZ Mediengruppe vorliegen, belegen systematische und bewusste Verstöße gegen Auflagen und Vorschriften. Gravierende technische Mängel wurden vertuscht, Firmen und Behörden getäuscht.
Fünfeinhalb Stunden lang durchsucht die Staatsanwaltschaft Dortmund das Envio-Gelände, beschlagnahmt Material.
Untersuchungsergebnisse zeigen: Das gesamte Envio-Gelände ist hochgradig mit PCB verseucht. Das Gift steckt in den Hallen und im Freigelände. Die Belastungen liegen bis zum Tausendfachen über den Grenzwerten. Die Bezirksregierung macht Envio dicht.
Envio meldet sich zu Wort. „Vereinzelte Fehler in den betrieblichen Abläufen“ seien die Ursache für die PCB-Verseuchungen. „Von kriminellen Motiven getrieben“ sei man nicht. Die Mitarbeiter seien „regelmäßig arbeitsmedizinisch auf PCB untersucht worden“.
Recherchen der WAZ Mediengruppe enthüllen: Envio hat Giftmüll weltweit verstreut. Seit 2006 wurden 48 Abnehmer beliefert – in Deutschland, Europa, Asien.
Extreme Giftmengen im Blut entsetzen 30 Envio-Mitarbeiter und schockieren die Öffentlichkeit. Die PCB-Belastung der Opfer liegt bis zum 25 500-fachen über dem Bevölkerungsschnitt. Nie zuvor ist soviel PCB bei Menschen in Deutschland gemessen worden.
Der erste Beweis ist da: Envio hat verseuchtes Material als gereinigt deklariert und verkauft. So sind PCB-haltige Bleche bei der Firma RRD im Dortmunder Hafen gelandet.
Auch Arbeiter von Nachbarfirmen sind vergiftet. Die ersten Blutbefunde weisen bis zu 440-fach erhöhte PCB-Werte aus.
Akteneinsicht der WAZ Mediengruppe im Fall Envio. Doch in den Unterlagen der Bezirksregierung Arnsberg fehlen 240 Seiten – und damit wichtige Hinweise auf Hintergründe des PCB-Skandals.
Die Landesregierung schaltet sich ein. Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) und Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) lassen ihre Behörden überprüfen. Envio-Opfern soll ein langfristiges medizinisches Untersuchungsprogramm helfen. Ein Runder Tisch soll den Skandal aufarbeiten. Den Vorsitz hat Eberhard Weber, Ex-DGB-Chef in Dortmund.
Drei Sätze, sieben Zeilen. So lang ist die Kündigung, die Envio-Mitarbeiter bekommen. Eine Begründung fehlt.
5 bis 7 Millionen Euro könne die Sanierung des Envio-Geländes kosten, sagt Michael Müller, PCB-Berater der Vereinten Nationen. Die Bezirksregierung rechnet mit 1,5 Millionen.
Verspätet legt Envio die Jahresbilanz 2009 vor. Darin enthalten: Rückstellungen von über sieben Millionen Euro – „für ungewisse Verbindlichkeiten“, wie es heißt.
Start des medizinischen Betreuungsprogramms. Unter Leitung von Prof. Thomas Kraus untersuchen Ärzte der Uniklinik Aachen im Dortmunder Knappschaftskrankenhaus die ersten 200 PCB-vergifteten Menschen.
Envio hat sogar mit Kriminellen aus Kasachstan kooperiert, um an Giftmüll zu kommen. Gelder wurden unterschlagen, kasachische Regierungsmitglieder sitzen deshalb im Gefängnis. Hunderte Tonnen verseuchter Kondensatoren sind bei dem dubiosen Geschäft verschwunden. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft Dortmund wusste nichts von den Transporten.
Jetzt kommt heraus: Bei der Durchsuchung der Envio-Geschäftsräume im Mai hat der leitende Oberstaatsanwalt die Polizei daran gehindert, umfassend Material zu beschlagnahmen. „Nur ausgewählte Unterlagen“ wurden mitgenommen. Die über die Envio-Giftgeschäfte mit Kasachstan zählten offenbar nicht dazu. Die Computer und Privatakten der Envio-Chefs auch nicht.
Der Dortmunder Ordnungsdezernent Wilhelm Steitz (Grüne) entzieht der Skandalfirma die Gewerbeerlaubnis. Die Envio Germany Grundstücks GmbH sowie deren Geschäftsführer Dirk Neupert dürfen in Dortmund keine Geschäfte mehr machen.
Viereinhalb Monate nach der ersten Razzia entert die Staatsanwaltschaft erneut die Envio-Zentrale, außerdem die Privatdomizile der Firmenchefs Neupert und Harks. „Wir haben noch einige Beweismittel gesucht“, sagt eine Sprecherin. Es gehe jetzt auch um Steuerhinterziehung. Wie viele der im Mai liegen gelassenen Dokumente noch vorhanden waren, ist unklar.
Envio soll unmittelbar vor der zweiten Razzia der Staatsanwaltschaft heimlich Akten entsorgt haben. Das berichtet ein Augenzeuge. Die Staatsanwaltschaft sieht dafür „keinerlei Anhaltspunkte“.
Weitaus mehr Familienangehörige als bisher vermutet sind vergiftet. Fast jeder Arbeiter, der bei Envio in der PCB-Entsorgung arbeitete, schleppte das Gift mit nach Hause. „Viele Mütter und Kinder sind belastet“, bestätigt Prof. Thomas Kraus.
Die Envio Recycling GmbH & Co. KG und die Envio Germany Geschäftsführungs GmbH melden Insolvenz an.
Ein vertraulicher Bericht der Landesministerien für Umwelt und Arbeit belastet Ex-Umweltminister Eckhard Uhlenberg (CDU). Der verfügte bereits 2008 über alle wichtigen Informationen, um die PCB-Verseuchung im Dortmunder Hafen entdecken und aufklären zu können. Uhlenberg ist mittlerweile Landtagspräsident.
Noch ein Versagen der Bezirksregierung kommt heraus: Bereits 2008 hatte die Thüringer Landesumweltverwaltung die PCB-Anlagen von Envio geprüft und als mangelhaft bewertet. Obwohl die Arnsberger Behörde informiert wurde, genehmigte sie weiter Giftmülltransporte aus aller Welt nach Dortmund.
Die Hauptversammlung der Envio AG beschließt, den Sitz der Firma nach Hamburg zu verlegen. Envio-Aktionäre erhalten eine Sachdividende: Aktien einer neuen Firma, der Bebra Biogas Holding AG. Branchenkenner vermuten, das Kapital der Firma solle verschoben werden, um möglichen Schadensersatzansprüchen zu entgehen.
Der neue Arnsberger Regierungspräsident Gerd Bollermann (SPD) räumt ein, die Sanierung des Envio-Geländes werde länger dauern als geplant. Und sie werde teurer als erwartet.
Ein schlimmer Fang des Landesumweltamtes: Von sieben Fischarten im Dortmunder Hafen sind sechs mit PCB vergiftet. Die Aale enthalten sogar das Seveso-Gift Dioxin und ultratoxische Furane. Der Rat der Behörde: Hafenfisch nicht auf den Tisch.
Massive Gesetzesverstöße von Envio und breites Versagen der Behörden haben zum PCB-Skandal geführt. Zu diesem Schluss kommt eine fachaufsichtliche Prüfung der Landesregierung. Mehr Personal und schärfere Vorschriften sollen folgen.
In Bochum stirbt ein 57-jähriger Trafo-Monteur aus Dortmund, der jahrelang auf dem Envio-Gelände gearbeitet hatte. Er hatte erhöhte Mengen von PCB im Körper. Der Verstorbene sollte im Fall Envio als Zeuge aussagen. Seine Vernehmung stand unmittelbar bevor. Die Todesursache ist unklar. Der Leichnam wird obduziert.
Regierungspräsident Gerd Bollermann (SPD) und der Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) stellen den ehemaligen Landtagsabgeordneten Erwin Pfänder (SPD) als „Ombudsmann PCB“ vor. Er soll Bürgerinteressen im Envio-Skandal gegenüber Behörden vertreten.
Die Bundesregierung hat acht Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um kasachischen Giftmüll zur Entsorgung nach Dortmund zu bringen. Das geht aus einem internen Vermerk des NRW-Umweltministeriums hervor.
WAZ-Recherchen belegen: Börsenlieblinge wie K+S, RWE und EnBW schickten jahrelang zehntausende von Tonnen mit PCB belastetem Material an die Skandalfirma Envio. Und die Bezirksregierung Arnsberg sah zu.
Das vom Land in Auftrag gegebene Prognos-Gutachten wird zur Anklageschrift: Die Bezirksregierung Arnsberg unter dem früheren Regierungspräsidenten Helmut Diegel (CDU) verantworte in hohem Maße die Verseuchungen von Menschen und Umwelt. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen – mit dieser Arbeitsweise habe die Behörde die Katastrophe begünstigt. Auch die Stadt Dortmund wird kritisiert. Statt selbst einzugreifen, habe sie Beschwerden nur weitergereicht.
Sie habe gelernt aus dem Envio-Skandal, sagt die Landesregierung. 360 neue Stellen, eine bessere Überwachung und strengere Genehmigungsregeln sollen folgen. Das Versagen der Bezirksregierung hat vorerst keine personellen Konsequenzen. Das vorgesetzte Innenministerium sieht „noch keine Hinweise“ auf dienstrechtliche Verfehlungen.
Die Staatsanwaltschaft führt den Tod des 57-jährigen Trafo-Monteurs auf Herzversagen zurück. Ein Zusammenhang mit der hohen PCB-Belastung des Mannes lasse sich nach eingehenden Untersuchungen nicht belegen. Aber auch nicht ausschließen. Zusammenhänge zwischen PCB und Herzerkrankungen sind bisher nicht bekannt.
Ein Jahr nach dem Envio-Aus steigen die PCB-Werte im Dortmunder Hafen wieder. Regierungspräsident Bollermann macht den Schrottverwerter Interseroh „als Hauptquelle verantwortlich“. Die dafür zuständige Untere Umweltschutzbehörde in Hagen bleibe untätig, kritisiert er.
„Die Bezirksregierung hat Fehler gemacht“, gesteht Bollermann. Hätten die Envio-Überwacher „an einige Stellen eher Stopp“ gesagt, wäre „eine frühere Aufklärung“ des PCB-Skandals möglich gewesen. Personelle Konsequenzen zieht der Behördenchef nicht. Er wartet auf die Staatsanwaltschaft, die gegen Mitarbeiter seines Hauses ermittelt.
„Mangels hinreichenden Tatverdachts“ stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen die Bezirksregierung Arnsberg ein. Die Behörde habe offenbar nichts von den Envio-Machenschaften gewusst.
Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage im Fall Envio. Vier Personen werden beschuldigt. Die schwersten Vorwürfe richten sich gegen Envio-Chef Dirk Neupert und seinen ehemaligen Betriebsleiter. Ihnen werden 51-fache Körperverletzung und schwere Umweltdelikte vorgehalten.